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Menschen im Sport – Der Journalist Tobias Holtkamp–Interview Teil I

In lockerer Folge möchten wir hier die Macher der Medien vorstellen. Wir starten mit Tobias Holtkamp. Der 35jährige Stellvertretende Chefredakteur der Sport Bild gehört als @Rune4 zu den profiliertesten deutschen Sport-Twitterern. Er hat in den Nuller-Jahren in Berlin die Online-Sportredaktion der BILD mit aufgebaut, war dann Redakteur und später Chefreporter in der Print-Sportredaktion und zuletzt Sportchef von Bild.de. Ende 2011 folgte er seinem Kollegen Matthias Brügelmann nach Hamburg in die Chefredaktion der Sport Bild.

Bereits wenige Monate später warteten neue Aufgaben auf ihn, wieder in Berlin: BILD hatte im Frühling 2012 den Zuschlag für die Übertragung der Bundesliga-Highlights ab der Saison 2013/14 erhalten. In der Projektgruppe arbeitet er unter der Woche im Berliner Axel-Springer-Haus an der konkreten Umsetzung. Darüber können wir an dieser Stelle noch nichts berichten. Zu den Themen des ersten Teils unseres Interviews mit Tobias Holtkamp zählen sein Weg in den Sportjournalismus und zur Sport Bild sowie die ewige Frage nach dem Umgang des Journalisten mit seinem Fantum. In einem zweiten Teil werden wir über das die Arbeit verändernde Internet und die sozialen Medien sowie die Rolle der Sport Bild darin sprechen.

Über die Linie Auf Twitter bist Du als @Rune4 bekannt und als Werder Bremen-Anhänger erkennbar. Wie bist Du Fan geworden?

Tobias Holtkamp Bei der Sportschau habe ich immer gefragt, wer sind die Grünen, die Gelben, wer sind die mit den rot-weißen Trikots. Ich merkte, dass bei uns häufiger die Grünen geguckt wurden. Und dann hat mein Vater mich erstmals ins Stadion mitgenommen, mit 9 oder 10 Jahren. Ich komme aus Weyhe bei Bremen, also ging es ins Weserstadion. Mein erstes oder zweites Spiel war ein 1:7 gegen Mönchengladbach. Es stand 0:4, und Bruno Pezzey verkürzte auf 1:4. Ich war 1000 Pro sicher, dass Werder noch ein Unentschieden schaffen würde. Ich wollte sogar mit einem älteren Sitznachbarn wetten, aber er ging freundlicherweise nicht drauf ein. Trotz dieses Spiels fühlte ich mich mehr und mehr zu Grün-Weiß hingezogen, seit ich 15 war, hatte ich mit Freunden eine Dauerkarte. Und ich glaube, wenn ich mit einem 1:7 starte, dann muss schon einiges passieren, dass die Gefühle für den Verein vergehen.

Über die Linie Gab es den Drang, das abzulegen, seit Du als Sportjournalist arbeitest oder ist das an den Stationen, wo Du warst, völlig OK gewesen?

Tobias Holtkamp Das ist eine beliebte Diskussion, wie viel Fan du als Sportredakteur sein darfst. Ich glaube, ich weiß, wann ich Fan sein und das genießen kann, mit den Kumpels mal an einem freien Wochenende nicht in den Medien- oder VIP-Bereich zu gehen, sondern mit Bratwurst und Trikot Spaß zu haben. Auf der anderen Seite weiß ich auch sehr genau, wann ich in einer dienstlichen Situation bin, wann ich in Konferenzen oder Interviews bin, wo grundsätzlich Objektivität gefragt ist.

Der Fan kann kritischer sein

Ich glaube, dass ich, wenn ich zum Beispiel mit dem Sportler oder einem Verein sympathisiere, der mir als Beobachter gerade Freude bereitet, ob das im Fußball ist oder auch in der Formel 1, die ich einige Jahre für Bild begleitet habe, dass man dann in der ein oder anderen Situation sogar noch kritischer ist.

Ich habe noch nie die Situation erlebt, in der ich dachte, ‘da stehst Du Dir jetzt selbst im Weg’ – weil ich da schon zu unterscheiden weiß. Wer mir bei Twitter folgt, der weiß auch, dass ich nie irgendwen direkt und ernsthaft anzählen würde. Natürlich macht man mal ironische Bemerkungen, die gehören dazu, aber wer mich kennt, der weiß es einzuschätzen, wann ich wirklich mal “die grüne Mütze” aufsetze, um beim Ausgangsthema Werder zu bleiben. Aber, ganz ehrlich: es wäre doch schlimm, wenn man im Sport keine Leidenschaft mehr fühlen dürfte. Das fände ich falsch.

Der Angela Merkel-Schal

Über die Linie Ist der Sportjournalismus dafür prädestiniert, dass man Fan sein darf, im Gegensatz zu anderen Kollegen wie Politikjournalisten?

Tobias Holtkamp (lacht) Ich habe noch nie jemanden gesehen, der mit einem Angela-Merkel-Schal singend an der Spree entlanggelaufen ist. Natürlich ist der Sport prädestiniert dafür, weil er geprägt ist von Emotionen und immer wieder neuen Konstellationen.

Vom Hobby zum Beruf

Ich glaube, für viele Sportjournalisten ist der Beruf aus einem Hobby entstanden. Du hast selbst früher viel Sport getrieben, zum Beispiel Fußball gespielt. Das macht super viel Spaß, aber irgendwann musst du die Entscheidung treffen: Willst du jetzt am Wochenende selbst noch auf dem Platz stehen als Spieler oder willst du eher vorantreiben, dass aus deinem Praktikum eine freie Mitarbeitertätigkeit wird? Dann musst du nach dem Spiel direkt in die Redaktion. Oder während deine eigene Mannschaft spielt, bist du eben bei der Oberliga-Mannschaft und schreibst darüber. Da musst du dich entscheiden.

So wie ich das im Kollegenkreis mitbekomme, ist das bei vielen so, dass sie eine Begeisterung für den Sport haben, dadurch, dass sie das selbst mit Begeisterung ausgeübt haben. Das lässt sich schlecht in die Politik übertragen.

Über die Linie Warum wolltest Du Sportjournalist werden? Gab es ein Schlüsselerlebnis? Wolltest Du näher an die Spieler rankommen?

Tobias Holtkamp Nein. Nein, darum ging es gar nicht. Ich habe mit 15 Jahren angefangen, für den Lokalteil des Weser Kurier über Handball- und Fußball-Kreisliga zu schreiben. Ich habe mir Sonntagabende um die Ohren geschlagen. Meinen Eltern haben die Ohren geschlackert, dass ich bis Mitternacht den 9-Nadel-Drucker strapazierte. Ich saß vor meinem Rechner und schrieb das Manuskriptpapier voll, nachdem ich endlich die gern auch mal beschwipsten Trainer im Vereinsheim erreicht hatte. Bis du die erst mal am Festnetz hattest, das Handy war ja noch kaum verbreitet, das wurde echt spät. Und nächsten Morgen um 8 war Schule.

Du musst dich entscheiden

Zwei, drei andere in meinem Alter haben das damals auch gemacht. Aber du merktest schnell, wer nicht mehr die Lust aufbrachte, jeden Sonntag bis in die Nacht zu tippen. Mir ist das gar nicht als Arbeit aufgefallen.

Mir hat das Spaß gemacht und war Motivation, Dienstagfrüh “Von unserem Mitarbeiter Tobias Holtkamp” in der Zeitung zu lesen und genau zu schauen, welche Passagen von der Redaktion wie geändert wurden.

Das wurde immer mehr, so dass ich während des Abiturs jede Freistunde in der Redaktion verbrachte. Da verdiente ich mir ein bisschen Geld, während andere Freunde zum Beispiel im Supermarkt arbeiteten.

Über die Linie Du hast viele überrascht, als Du mal getwittert hast, dass Du Dein Abitur über Franz Kafka geschrieben hast. Für Dich war aber klar, Du willst auf jeden Fall Sportjournalist werden. Wie bist Du zu Axel Springer gekommen?

Tobias Holtkamp Nach dem Abitur habe ich ein Jahr lang Praktika gemacht, weil ich für mich selbst herausfinden wollte, was mir am meisten Spaß macht. Während des Zivildienstes schrieb ich weiter für den Weser Kurier. Mein erstes Praktikum war in einer Yellow-Press-Agentur in Hamburg, wo mir die Arbeit überhaupt nicht gefiel. Die kauften Fotoproduktionen von irgendwelchen Schlager- und TV-Stars ein, dann saßen da drei, vier Praktikanten mit dem Auftrag “Schreibt irgendwas zu den Fotos”. Das war heftig. Da ich Gott sei Dank schon vorher drei, vier Jahre gearbeitet hatte, schüttelte ich nur mit dem Kopf und dachte, was machen die mit den jungen Leuten, die hier ihre ersten Schritte im Journalismus machen?

Noch in der zweiten Woche in der Yellow-Agentur sah ich in der Hamburger Morgenpost, die dort immer auslag, auf einer Sportseite vier relativ große Fehler mit Buchstabendrehern in der Überschrift, Unterschriften, die nicht stimmten und so weiter. Ich faxte einen Brief an die Leserredaktion mit einigen Ausrufezeichen und ganz klein daruntergeschrieben: “Wiedergutmachung? Bieten Sie mir, Tobias Holtkamp, 20 Jahre, doch einfach einen Praktikumsplatz.” Eine halbe Stunde später rief mich der damalige Sportchef an und fragte, wann ich anfangen möchte.

So kam ich früher aus der Yellow-Agentur raus und war bei der Hamburger Morgenpost. Für die schrieb ich später noch eine Saison aus dem Bremer Weserstadion, weil es einige Schnittmengen gab: Felix Magath war einige Zeit Werder-Trainer, Pawel Wojtala und Dirk Weetendorf vom HSV nach Bremen gewechselt. Deswegen war Werder relativ oft größer in der Mopo.

Außerdem machte ich Radio-Praktika und war auch bei Premiere. Das waren prägende Monate, unter dem damaligen Praktikumsbeauftragen Patrick Wasserziehr. Ich habe da sehr interessante Einblicke in den „großen“ Sport bekommen und eine Menge mitgenommen.

Arbeit, Arbeit, Arbeit

Im Jahr 2000 bekam ich mit, dass Bild eine eigene Online-Sportredaktion gründete, für die vier, fünf junge, heiße Mitarbeiter gesucht wurden, die sich auch nicht zu schade waren, nächtelang irgendwelche Datenbanken zu füllen. Da habe ich alle Finger gehoben und wurde genommen. Jeder hat zuerst einen Monat in der Printredaktion mitgearbeitet, um die Abläufe kennenzulernen. Gut ein halbes Jahr später fragte mich der damalige Sportchef Alfred Draxler, ob ich mir vorstellen könnte, statt für Online für die Zeitung zu arbeiten. Ich sollte eine Nacht drüber schlafen. Da habe ich gesagt, ich schlafe gerne eine Nacht drüber, aber das brauche ich gar nicht. Wieder ein knappes Jahr später wurde ich gefragt, ob ich Formel 1 für Bild machen möchte.

Über die Linie Die Angebote kamen also auf Dich zu. Hast Du auch mal überlegt, zur FAZ, SZ oder ähnlichen Zeitungen zu gehen?

Tobias Holtkamp Nein, weil ich den BILD-Sport schon damals als das empfand, war mir am besten entsprach. Mit all seinen Möglichkeiten. Dazu die Kreativität in den Konferenzen, die Art und Weise, Themen zu erkennen, anzugehen und vor allem umzusetzen.

Es ist mir eine Ehre

Zu Abi-Zeiten habe ich oft schräge Blicke geerntet, weil ich BILD und Sport Bild regelmäßig auf meinem Schultisch hatte. Ich fand die Art der Sportberichterstattung total ansprechend, die waren immer näher dran und besser informiert. Daher hatte ich Riesenlust, dort mitzuarbeiten und empfand das und empfinde das auch heute noch als große Ehre. Gerade weil ich den Sport – natürlich – auch längst nicht so kritisch sehe wie das manch anderer macht.

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Teil II über Sport Bild Plus, Internet und Social Media und das Verhältnis zu Bloggern und Lesern gibt’s hier.

Die Fragen stellte Stefen Niemeyer, zum Thema Fußball als FCBlogin auf Twitter.

Vom Libero zur Doppelsechs: Eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs (Anzeige)

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