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Warum Vidal?

Die Verpflichtung von Arturo Vidal bei Guardiolas FC Bayern kommt alles andere als überraschend. Der katalanische Trainer hat lediglich einen weiteren Schritt gemacht bei seiner Suche nach einer maximalen Vertikalisierung seiner Mannschaft, ein Ziel, das er vom ersten Tag an in München verfolgt hat. Der Spieler von Juventus Turin bringt vor allem eine wichtige Fähigkeit mit: seine gewaltige Präsenz auf dem Platz. Diesen Charakterzug wünschte Pep dem Bayern-Spiel hinzuzufügen, als es im Februar bei einem Treffen der Transferverantwortlichen (Rummenigge, Dreesen, Sammer, Reschke und Pep selbst) darum ging, das Profil der Bedürfnisse für die neue Saison festzulegen.

Arturo Vidal bei Juve
Arturo Vidal bei Juve

Etwa zur gleichen Zeit waren für Juve bereits mehrere Wechsel absehbar. Die sportliche Leitung um Beppe Marotta, Fabio Paratici und Xavier Ribalta wusste, dass das Team ihres Trainers Massimiliano Allegri, der damals noch nicht einmal vom Erreichen des Champions-League-Halbfinales träumte, mindestens drei zentrale Spieler verlieren würde: Pirlo, Tévez und auch Vidal. Der Ersatz für Pirlo kommt aus eigenem Hause (Marchisio), der zweite war bereits vereinbart (Dybala, aber mit Ergänzung um einen weiteren Neuner, der mit Mario Mandzukic inzwischen verpflichtet worden ist). Der dritte Abgang wurde auf diesen Sommer verschoben, auch wenn Juve sich bereits auf einen Kandidaten für die Spielmacher-Position festgelegt hat und diese Option nur noch durchexerzieren muss (nebenbei bemerkt, wahrscheinlich werden wir auch noch die Verpflichtung eines Linksverteidigers sehen).

Auf Seiten der Bayern hat sich der Trainer zwei Ziele gesetzt: Zum einen will er die Optionen für das Flügelspiel vermehren, die bisher auf Robbéry, also Robben und Ribéry, begrenzt gewesen sind; und zum zweiten will er einen mit einer gewissen Torgefahr verbundenen Mittelfeldspieler für die gegnerische Hälfte hinzufügen.

Für das erste Ziel gab es nicht viele Kandidaten auf dem Markt, vor allem nach der enormen Inflation in England aufgrund des gewaltigen Anstiegs der TV-Gelder. Das führte Guardiola dazu, Douglas Costa vorzuschlagen, einen guten Flügelspieler und Dribbler, auch wenn er noch eine Stufe unter Robbéry steht. Robbéry sind Stärke und Schwäche des FC Bayern zugleich: Wenn sie gesund sind, sind sie sehr, sehr, sehr stark; aber die letzten beiden Spielzeiten waren eine Tortur für Franck Ribéry, und am Ende der letzten Saison fehlte auch Arjen Robben verletzungsbedingt. Aber ein Douglas Costa allein reicht womöglich nicht aus, um eine Verbesserung auf den Flügeln zu gewährleisten.

Für die zweite Option plante Michael Reschke, Leiter des Bayern-Scoutings, die Verpflichtung von Arturo Vidal (den er selbst vor einigen Jahren zu Bayer Leverkusen gebracht hatte), da der Chilene alle Anforderungen der Transferkommission und insbesondere des Trainers erfüllt: ein leistungsfähiger und aggressiver Mittelfeldspieler mit Torgefahr. Vidals Nationaltrainer Jorge Sampaoli, der im Februar bei Guardiolas Training hospitierte, bestätigte die Überlegungen der Bayern. Zudem machte auch Juanma Lillo, guter Freund und Ratgeber von Sampaoli, seine hohe Wertschätzung für Vidal deutlich.

Um das von Guardiola verfolgte Ziel zu verstehen, muss man zunächst drei wesentliche Faktoren seines Spielmodells für die Bayern verstehen: Die Vertikalität, das Pressing sowie die Rolle der Außenverteidiger als zentrale Spieler.

Die Vertikalität

Die Verwirrung über Guardiolas Spielmodell ist eine ist universelle. Schon die große Mehrheit der spanischen Presse war nie in der Lage zu verstehen, woraus das Positionsspiel bestand, das Barcelona praktizierte. Die Ursachen in Effekte zu verdrehen, die Instrumente mit den Essenzen zu verwechseln und ungenaue Konzepte zu verbreiten – sei es aus Unkenntnis oder Unverständnis – führte schon in Spanien zur Fokussierung auf die falschen Themen: das Tiki-Taka, das falsche Dogma des Ballbesitzes, die angebliche Überhöhung der Horizontalität und so weiter… Man müsste eine tiefergehende Betrachtung des historischen 2-6 von Bernabéu anstellen (Real Madrid – FC Barcelona am 2. Mai 2009), um zu verstehen, wie die langen Passfolgen dazu dienten, die Mannschaft in der Phase des Initiierung richtig aufzustellen und dies mit den schnellen und langen Kontern zu verbinden, was bei jenem Schützenfest zu vielen Toren führen sollte.

Oder, um es in den Worten von Pep Guardiola zusammenzufassen: »Ich hasse dieses Tiki-Taka. Ich hasse es. Tiki-Taka ist, sich den Ball zuzuspielen, um sich den Ball zuzuspielen, einfach so, ohne Sinn und Verstand. Und das führt zu nichts. Glaubt nicht, was euch erzählt wird: Barça hatte mit dem Tiki-Taka nichts zu tun! Das ist ein Märchen! Hört nicht darauf! Das Geheimnis bei jedem Mannschaftsspiel ist, das Spiel auf eine Seite zu verlagern, damit der Gegner ins Schwimmen kommt. Den Gegner auf eine Seite zu locken, damit er die andere Seite freigibt. Und wenn wir das geschafft haben, dann müssen wir es über diese andere Seite versuchen. Deswegen muss man sich den Ball zupassen, jawohl, aber mit einem Ziel, mit einer bestimmten Absicht. Also: den Ball in den eigenen Reihen halten, um das Spiel zu verlagern, den Gegner auf eine Seite zu locken, und dann über die andere angreifen. Das muss unser Spiel sein, und nicht dieses sinnlose Tiki-Taka.« (Aus meinem Buch „Herr Guardiola“, Seite 150)

Die Verpflichtung von Xabi Alonso passte genau in diese Suche. Wenn sich beim baskischen Mittelfeldspieler von den vielen Kommandos Guardiolas etwas eingebrannt hat, so war es diese eine knappe Anweisung: „Ich war sehr überrascht: Pep hat nicht mehr von mir verlangt, als vertikal zu spielen. Immer vertikal. Vertikale Pässe. Nach innen oder auf die Flügel, Hauptsache vertikal.“

Die Verpflichtung von Arturo Vidal ist ein weiterer Baustein bei diesem Vorgehen, über die Mittellinie und zu einem guten Abschluss zu kommen.

Das Pressing

Zweikämpfer Vidal
Vidal im Zweikampf mit Iniesta (Spanien – Chile 2013)
Spain – Chile – 10-09-2013 – Geneva – Andres Iniesta, Arturo Vidal and Francisco Silva – Foto von Clément Bucco-Lechat (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons
Das zweite Merkmal, das Vidal mitbringt, ist das hohe Pressen auf den Gegner in dessen Phase des organisierten Spielaufbaus. Bayern hat bereits zwei sehr gute Spieler für diese Aufgabe: Robert Lewandowski und David Alaba. Die restlichen Spieler pressen ebenfalls, besitzen aber nicht diesen einzigartigen Spürsinn wie der Pole und der Österreicher, die wissen, welche Bewegungen im Raum dem Gegner am meisten schaden. Bayern presst von sich aus sehr wechselhaft. Wenn sie den Ball im Angriff verlieren, pressen sie natürlich positionsbezogen und mit dem Ziel, ihn möglichst schnell vom noch unorganisierten Gegner zurückzuerobern. Aber wenn der Gegner zu einem organisierten Spiel übergeht, wechselt Bayern sein Pressing mit Phasen der Ruhe ab. Wenn sie sich entschließen, viel Druck zu machen, dann intensiv, aber nicht immer mit den passenden Gesamtbewegungen. Hier wird Vidal eine Verstärkung sein, denn er hat den gleichen Spürsinn wie Lewandowski und Alaba und wertet die Mannschaft daher bei dieser Aufgabe auf.

Zudem wird Vidals hoher körperlicher Einsatz David Alaba beim Übergang in die Defensive helfen, ist dieser Übergang doch ein offenkundiger Schwachpunkt von jeder Mannschaft, die möglichst in Überzahl in der gegnerischen Hälfte spielen will.

Die Außenverteidiger spielen innen

Die Integration von Vidal bei den Bayern kann man nicht ohne eine grundlegende Prämisse verstehen, eine grundlegende Umstellung in der Saison 2013/14, die 2014/15 weiterentwickelt wurde: Zu den verschiedenen Veränderungen, die Guardiola in seiner Zeit in Deutschland vorgenommen hat, gehört die Rolle der Außenverteidiger. In seinem ersten Jahr entschied Pep, die Außenverteidiger in den Phasen des Aufbaus und des organisierten Angriffs von den Außenbahnen wegzuziehen und innen näher an den Mittelfeldspielern zu positionieren (zu jener Zeit Philipp Lahm). So erzeugte Pep eine Linie von drei Spielern – zwei Außenverteidiger und der Sechser – die sich vor den zwei Innenverteidigern befanden, so dass die zentralen Mittelfeldspieler vorrücken konnten, wie sie wollten. Im Angriff übernahmen je nach Situation die Außen- oder Innenspieler die Verantwortung für die Außenbahnen. Beim Übergang in die Defensive erleichterte die Präsenz der Außenverteidiger im Zentrum das Pressing. So bildeten sie eine Verteidigungslinie, die zudem von der Geschwindigkeit eines Alaba und Rafinha profitierte, um die Konter des Gegners zu zerstören.

In der zweiten Saison etablierte sich diese Position der Außenverteidiger als Innenspieler nahe dem Sechser (in diesem Fall Xabi Alonso) noch weiter. Pep erklärte im Dezember 2014 in einem Gespräch an der Säbener Straße: „Mein Konzept für die Außenverteidiger hat sich in Deutschland verändert. Ich sehe sie als zentrale Spieler – und das wird es mir erlauben, einen ganz anderen als die bisher bei mir üblichen zentralen Mittelfeldspielertypen (wie Xavi, Iniesta, Thiago, Lahm, Götze) in mein Spiel zu einzubauen. Jetzt kann ich einen leistungsfähigen Balltreiber engagieren, weil sein Rücken gut abgesichert sein wird.“

Der vierte Faktor

Aus den drei geschilderten Faktoren entstand also die Verpflichtung von Vidal. Dabei sollte aber nicht ein vierter Aspekt übersehen werden: Seit seinen ersten Schritten als Trainer in Barcelona verfolgt Pep das Ziel, dass in seiner Mannschaft jeder Spieler in der Lage ist, auf zwei oder drei Positionen spielen zu können. Es geht ihm nicht darum, Positionen doppelt zu besetzen, sondern genau andersherum: Jeder Spieler weiß zwei oder drei verschiedene Rollen zu interpretieren. Auch in diesem Sinne bringt Vidal all die Vielseitigkeit mit, die sein neuer Trainer gesucht hat.

(Aus dem Spanischen übersetzt von Stefen Niemeyer)

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