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Das große Finale, zum Dritten: 100 Prozent Zuversicht

Komisch ist das. Du willst Dich glücklich fühlen, weil Dein Verein es schon wieder ins Finale geschafft hat. Nicht irgendeines, in DAS Finale. Das größte im Vereinsfußball, das Champions League Finale. Die Stadt vibriert schon Tage vorher, die Stimmung ist fantastisch, die Vorfreude riesig. Alles auf rot-weiß. Aber diese warnende Stimme: Geht es diesmal gut? Verlieren wir noch mal so knapp und unglücklich? Findet diese unglaubliche Saison noch ein erträgliches Ende? Da war dieser starke Start, dann so viel Pech mit Verletzungen, die Niederlagen… Moment mal, Niederlagen? Ja, wir sind noch im Jahr 2012. In München. Kein Meister, kein DFB-Pokal, und nun das Finale Dahoam.

Die Alptraumstimme behielt Recht: Führung – vergeben! Elfmeter – vergeben! Führung im Elfmeterschießen – vergeben! Die Blauen recken den Pokal in den Münchner Himmel. Tränen, trauriges Wandern durch die Stadt, stummes Warten auf den Zug, zurück nach Berlin.

Keine Chance dem Trauma

Aber wir sind München. Mit den Niederlagen musst du fertig werden und überlegen, was anders und besser zu machen ist. Kalle Rummenigge hat sich das Finale Dahoam gar dreimal angesehen – anderen von uns wird noch heute ganz anders, wenn sie ein blaues Trikot auch nur sehen.

Die Chefetage entscheidet sich, mit einer Kehrtwende beim Generationswechsel und einer ungekannten Expansion auf dem Transfermarkt den großen Sprung zu wagen. Dem „Wir-schenken-die-Meisterschaft-eben-vorzeitig-ab“-Nerlinger folgte der erfolgsbesessene Matthias Sammer mit einer Autorität, die ihresgleichen sucht. Mit Javi Martínez kommt eine bis dahin unvorstellbar teure Allzweckwaffe, die einen Ausfall in Abwehr und Mittelfeld kompensieren und auch mal in Stürmer-Manier Tore schießen kann. Gelingt die Integration von ihm und der anderen neuen Spieler in allen Mannschaftsteilen? Bekommen wir nicht ein Rotationsproblem mit permanenter Unruhe dank unzufriedener Bank- oder Tribünenhocker?

Alles wiederholt sich?

Die nächste Saison, wieder haben wir einen starken Start hingelegt, sogar mal wieder Dortmund geschlagen. Wieder haben wir unglaubliches Pech mit Verletzungen. Unsere Sturmkanone Gómez, unser Abwehrrecke Badstuber! Und doch, alles ist auf einmal anders. Die Ersatzkanonen Mandzukic und Pizarro ballern noch kräftiger als der von seinen weiblichen Fans „Schnucki“ gerufene Gómez. Holger Badstuber wird vom Feld getragen wie in der Vorsaison Schweinsteiger – und doch gibt es keinen Bruch im Spiel, es folgt keine Niederlagenserie. Die Rekorde purzeln, die Niederlagen fügen nicht andere uns zu, sondern wir uns selbst. Auf so kuriose Art dahoam gegen Leverkusen, dass es fast zum Lachen ist. Auf Luft abschnürende Art wie bei der Heimniederlage gegen Arsenal, das irritierende 0:2. Und auswärts? Da wird das Neuer’sche Gesetz wahr: “Wenn der Ball reingeht, dann war er unhaltbar.” Ein einziger Ball schafft das in der ganzen Bundesliga-Hinrunde.

Rekordherbstmeister. Trainingslager. Noch besser als „das beste Trainingslager aller Zeiten“? Schaut so aus, Schalke wird 5:0 abrasiert. Und die Siegesserie geht weiter. Kein Einbruch, trotz erneuter Gómez-Verletzung, schwieriger Re-Integration von Robben, Aufregung um die Guardiola-Sensation. Wird der Trainer zur lahmen Ente ohne Respekt? Heynckes, tief getroffen von der Art der Verpflichtung, steckt alle Kraft in eine perfekte, eine große, die größtmögliche Saison. Er will mit allen Titeln gehen. Die Mannschaft zieht mit. 16 Rückrundensiege, Juve und das große Barcelona mit insgesamt 11:0 weggeschossen, auswärts wie daheim. Wir haben einen Lauf, und der Lauf führt direkt nach Wembley.

Nur noch wenige Tage. Bis dahin kümmern sich Heynckes und das Team in Top-Form und bester Stimmung um die intensive Vorbereitung auf das Spiel der Spiele.

Bis dahin dominieren Psycho-Spiele, gefeuert wird aus allen Rohren. Wir als Bayern-Fans kennen das und haben ein dickes Fell entwickelt. Schon zum Halbfinale nutzte beispielsweise die Süddeutsche Zeitung das riesige Interesse, um wenige Stunden vor Anpfiff mit der Nachricht von Hausdurchsuchung und Haftbefehl bei Uli Hoeneß Alarm zu schlagen. Die Antwort auf dem Grün: 3:0 IN Camp Nou gewonnen. Ähnliches wird in diesen Tagen wieder passieren. Bild zeigte bereits Hoeneß beim Verlassen einer Bank, garniert mit exklusiven Informationen “aus Justizkreisen”. Was soll’s, die Antwort ist auf dem Platz.

Und der Gegner? Der BVB hat eine starke Rückrunde gespielt, aber mit seinem Kader noch nicht die Kraft und Konzentration, um in allen drei Wettbewerben oben mitzuspielen. Ein Indiz sind die schwachen Liga-Spiele vor Champions League-Spielen. Oder ihre bereits in der gesamten Saison schwache Abwehr, wie Sport1 gerade passend analysiert hat.

Die Strategie des BVB ist es, sich um jeden Preis als Underdog darstellen zu müssen, um gewinnen nur zu “wollen”, nicht – wie der FC Bayern – zu “müssen”. Da kann man (als Trainer, der eigentlich besseres zu tun haben sollte) einfach mal den Schulden-Klub Real Madrid in einen Topf mit dem kerngesunden FC Bayern werfen oder uns zur Inkarnation des „Bösen“ machen, wie Jürgen Klopp in einem von Puma gesponserten „Interview“ mit dem Guardian – müsste nicht bald mal wieder die Gala dran sein?

The trend is your friend

“The trend is your friend”, haben wir in dieser Saison von Uli Hoeneß gelernt. Und der geht gegen Dortmund. Während wir als beste Auswärtsmannschaft einen Rückstand gegen die siebtbeste Heim-Mannschaft drehen konnten (der BVB als zweitbestes Auswärtsteam schaffte nur ein 1:1), kassierten die schwarz-gelben am letzten Spieltag gegen den Tabellensiebzehnten eine krachende 1:2 Heimniederlage gegen das von vielen verachtete Hoffenheim. Kostet viele Sympathien bei den neutralen Fans.

Im Hangout vom ZDF-Sportstudio von letzter Samstagnacht wägt der kluge Beobachter Oliver Wurm ab Minute 32 die Chancen beider Mannschaften ab:

„Leichter Favorit ist Bayern gerade aufgrund des letzten Bundesliga-Spieltags. Die haben das Ding noch mal gedreht in Gladbach. Dortmund geht jetzt mit sehr viel negativer Erfahrung in diese Finalwoche rein. Die rote Karte von Weidenfeller, Lewandowski ist nicht Torschützenkönig geworden, Mats Hummels geht angeschlagen in die Trainingswoche, Götze springt in München rum. Das klingt nicht nach optimaler Vorbereitung. Vor diesem Spieltag hätte ich gesagt, die Chancen stehen 60:40 für Bayern, jetzt erhöhe ich auf 70:30 (…).“

Damit nicht genug, Dortmund macht noch einen unnötigen Kriegsschauplatz auf: Wozu jetzt die Diskussion um die Ausstiegsklausel von Reus, auf die er im Nachhinein verzichten soll. Wie kommt man auf die Idee, in dieser Situation einen seiner besten Spieler mit so einem Thema zu belasten?

Allerdings sollten wir diesen Dortmunder Negativ-Trend, der sich durch die gesamte Saison zieht, nicht mit einer automatisch niedergeschlagenen Mannschaft verwechseln, die in Erwartung einer sicheren finalen Niederlage nach Wembley reist. Dazu ist Klopp Magier genug. Wir erinnern uns: Kaum war die Götze-Nachricht vom Wechsel einen Tag vor dem Spiel gegen Real Madrid durchgesickert, fand er die richtigen Worte, um Fanöffentlichkeit und die Mannschaft so aufzurichten, dass sie einen starken Hinspielsieg einfuhren.

Katastrophenstimme, wo bist Du?

München sei also vor Sorglosigkeit gewarnt. Eine innere Katastrophenstimme? Fehlanzeige. Ich sehe für dieses Finale kaum Chancen für Dortmund. Es ist ähnlich wie beim DFB-Pokal-Viertelfinale in München: Wir sind stark; wir sind stabil; wir würden Ausfälle nahtlos kompensieren können; wir lassen uns in keinster Weise von medialen Stürmen ablenken; wir haben alle Fehler schon im Vorfeld gemacht und sie ausgebügelt (Gladbach gedreht, provozierte rote Karten). Alle Rückschläge, aus welcher Richtung sie auch kamen, haben die Spieler auf dem Feld gemeistert. Alte Schwächen haben wir abgelegt, sind jetzt bei Ecken und Freistößen gefährlich. Taktisch hat Don Jupp die Mannschaft die positiven Seiten der van-Gaal-Zeit (Nachwuchs-Integration, Offensive) noch verstärkt und die Schwächen (Defensive, Größenwahn) abgestellt und neue Stärken entwickelt (Rotation, Standards).

Klopps Masterplan?

Aber vielleicht hat Jürgen Klopp ja seit Monaten einen Masterplan, die Bayern zu besiegen. Er wollte ihn bloß niemandem zu früh zeigen, weder in der Liga noch im DFB-Pokal auspacken. Erst am Schluss, beim ganz großen Finale. Allein, ich glaube nicht dran. Würde Klopp sonst den FC Bayern sachlich falsch in einen Schuldentopf mit Real Madrid werfen? Würde er sonst in wilder Unbeherrschtheit mal den vierten Schiedsrichter, mal den gegnerischen Spieler verbal angehen oder im Spiel mit den geballten Fäusten auf unseren Sportdirektor zustapfen? Nein, ich vermute, es ist tief sitzender Frust über den allzu kurzen Ruhm seiner 81-Punkte Rekordsaison, die nach nur einem Jahr blasse Vergangenheit geworden ist – und die Einsicht, selbst in Überzahl unsere Rotationsmannschaft nicht schlagen zu können.

Don Jupp, der Große und die Jahrhundertmannschaft

Don Jupp, der Große, und diese Jahrhundertmannschaft werden Klopp in London seine Grenzen aufzeigen, wie sie es mit Juventus Turin und dem glorreichen FC Barcelona getan haben. Die Fans im Stadion und vor den Leinwänden, die Twitterfreunde in München, Bonn, Düsseldorf, Beirut, Albanien oder Indonesien, ich in Berlin, wir alle freuen uns auf einen großen Abend in London. Möge er nicht zertreten oder zerpfiffen werden. Wir wollen nur sehen, wie Mario, Arjen, Thomas, Franck oder David oder, oder, oder… das Runde über die Linie streicheln, treten, köpfen – über die Torlinie des BVB.

Auf geht’s, Ihr Roten, zu einem großen Finale einer fantastischen Saison!

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