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Menschen im Sport: Der Journalist Günter Klein im Interview, Teil I

Günter Klein, Jahrgang 1962, hat viele Hüte auf. Er ist seit 1998 der FC Bayern-Reporter des Münchner Merkur und den regelmäßigen Beobachtern der Pressekonferenzen der Nationalmannschaft unter der Leitung von Harald Stenger bekannt geworden. Im letzten Jahr hat er einige verdienstvolle Artikel über die Fankultur beim FC Bayern veröffentlicht und dazu beigetragen, dass der Dialog zwischen Fans und Verein deutlich besser geworden ist.

Der vielseitige Augsburger schreibt mitunter für die FAZ und das DFB-Journal und gilt manchen gar als „nach wie vor Deutschlands bester Eishockey-Journalist“. Über die Linie! hat ihn, ganz ohne Hut, in seiner Heimatstadt getroffen und mit ihm gesprochen über seinen Werdegang, die Sportlichkeit von Sportjournalisten, den FC Bayern, Pep und Uli sowie den Sportjournalismus in Zeiten neuer Medien und neuer Medienmacht von Vereinen und Verbänden. Sogar Waldemar „Waldi“ Hartmann widmen wir uns – ausführlicher allerdings erst im zweiten Teil. Auf Twitter hat Günter sich als @guek62 einen Namen als Meister der Ironie gemacht.

Über die Linie Du hast in Augsburg als 10jähriger die Olympischen Spiele 1972 erlebt, hier fanden die Kanuslalom-Wettbewerbe statt. Begann damit für Dich das Interesse am Sport? Hast Du vorher über den Schulsport hinaus Sport gemacht?

Günter Klein
Sportjournalist Günter Klein

Günter Klein Es ging erzwungen los. Wir hatten Anfang der siebziger Jahre natürlich nur einen Schwarz-weiß-Fernseher – in einem patriarchalischen Haushalt, in dem der Vater bestimmt, was eingeschaltet wird. Da er Fußballer war, schauten wir Sport. Also lief  samstags die Sportschau statt Daktari. Am Sonntag das gleiche Spiel. Im ZDF kam Bonanza und im Ersten Sport. Und ich musste sonntags immer um dreiviertel Sechs zum Stadtteilbahnhof, mit einer Mark in der Hand. Dort wurde ab 18 Uhr die Telegrammausgabe vom Sportkurier verkauft, obwohl der erst am Montag erschien. Weil die Redaktion in Augsburg war und dort gedruckt wurde, war sie schon so früh verfügbar. Es gab immer eine Schlange von 40 bis 50 Leuten, denn die Ausgabe enthielt bereits die aktuellen Ergebnisse vom Sonntagnachmittag, über die man sonst wenig erfahren hat – zweite Liga, der FC Augsburg, die große Zeit mit Helmut Haller. Später war ich 10 Jahre lang Redakteur des Sportkuriers.

Über die Linie Hast Du Dich früh für eine bestimmte Sportart interessiert oder für Sport an sich?

Günter Klein Es war eher übergreifend. Natürlich bekommt man zunächst viel vom Fußball mit, und mit Olympia 1972 erwachte das Leichtathletik- und Schwimm-Interesse. Meine ersten Besuche im Fußballstadion waren im Aufstiegsjahr des FC Augsburg, so 1972/73 von der damaligen Bayernliga in die Regionalliga Süd, die Liga unter der Bundesliga. Und es gab in Augsburg Eishockey. Ich kann mich noch an Spiele der zweiten Eishockey-Mannschaft erinnern. Da spielte ein Holländer mit, eine absolute Seltenheit. Das waren die ersten Prägungen neben dem, was man im Fernsehen mitkriegte.

Über die Linie Also war Augsburg eine richtige Sportstadt?

Günter Klein Helmut Haller war natürlich ein Erlebnis. Ich kann daher ungefähr nachempfinden, was heutzutage die hiesigen Kids empfinden: Der Aufstieg des FC Augsburg in die erste Liga kam ja fast aus dem Nichts, sie waren fünf Jahre in der zweiten Liga, zehn Jahre zuvor noch in der vierten Liga. Die Zeit damals mit Helmut Haller führte den Verein zwar nicht in die erste Liga, aber der Zuschauerschnitt im alten Rosenaustadion lag bei über 23.000. Ich war damals bei fast jedem Spiel draußen. Von daher kann ich schon verstehen, was das für eine Gefühlswelt auslöst.

Beinahe der Nachfolger Sepp Maiers geworden

Über die Linie Hast Du selber Sport gemacht oder im Verein gespielt?

Günter Klein Meine Vereinskarriere ist vereitelt worden. Mein Vater hat extrem Wert darauf gelegt, dass ich eine gute schulische Ausbildung bekomme. Ich war von der fünften bis zur achten Klasse zusätzlich in einem Tages-Internat, wo man täglich so bis fünf Uhr Hausaufgaben gemacht hat. Da war es schwer mit dem Verein. Ich habe halt jeden Tag auf unserem Spielplatz gebolzt. Die Vereinsfarben waren damals nicht so wichtig. Einmal war ich bei Stadtwerke Augsburg zum Probetraining. Das war mein erster Schnittpunkt mit Raimond Aumann, weil der ungefähr der gleiche Jahrgang ist. Er hat Glück gehabt, dass ich nicht dem Verein beigetreten bin, ich hatte mich schon als den kommenden Sepp Maier gesehen.

Über die Linie LOL. Hattest Du da schon den FC Bayern im Blick?

Günter Klein Ich dachte eher, dass der FC Augsburg später in der Bundesliga spielt und dann Serienmeister wird.

Über die Linie Es ist ein weiter Weg vom Sport zum Sportjournalismus. Wie sah Dein Einstieg aus?

Günter Klein Ich habe immer gerne geschrieben. Das fing in der zehnten Klasse an. Ich bekam für Aufsätze plötzlich gute Noten. Und ich hatte einen Lehrer, der mich immer sehr förderte. Ich wollte eigentlich immer ins Lehramt gehen. Nach dem Abitur habe ich mich erstmal treiben lassen. Ich war bei der Bundeswehr, aber nur kurz, weil man eine Blutgerinnungsstörung feststellte. Also war ich nach sechs Monaten am 31.12. 1981 wieder frei, konnte aber nicht sofort studieren, weil es mitten im Semester war. Dann sieht mein Vater eine Volontariats-Anzeige im Augsburger Sportkurier und fragt: „Willst di net mal bewerben?“ Sage ich: „Ja, okay.“

100 Mark pro Tag beim Sportkurier

Ich wurde zum Probesonntag eingeladen, aber nicht als Volontär genommen. Stattdessen wurde mir angeboten, als Freier Mitarbeiter im Amateurfußball-Teil mitzuarbeiten. Der Sportkurier hatte eine Coverage bis in die Landesliga hinunter, in verschiedenen regionalen Ausgaben über ganz Deutschland verstreut. Ich redigierte die Texte und machte die Überschriften. Das war richtig gut bezahlt, es gab 100 Mark pro Sonntag. Das habe ich immer mit der Hoffnung gemacht, dass ich relativ bald als Volontär genommen werde. Zudem fing ich an, Deutsch und Englisch auf Lehramt zu studieren. Es hat sich aber vier Semester hingezogen, und ich war eigentlich mit dem Grundstudium fertig und wollte dennoch die Volontärstelle machen, weil mich diese Sportzeit fasziniert hatte. Als die Stelle wieder frei war, begann ich mit dem Volontariat. Ansonsten wäre ich wahrscheinlich Experte für deutsche Literatur im Mittelalter geworden. Und Deutschlehrer.

Sportjournalist mit 100 Kilo? Geht nicht.

Über die Linie Sportlehrer wolltest Du aber nicht werden?

Günter Klein Ich habe früher halt ständig Fußball gespielt. Aber ein 1000 Meter-Lauf war damals für mich wie eine Nahtod-Erfahrung. Davor hatte ich immer Angst. Zum Abitur wog ich schon 90 Kilo. Ganz schlimm war diese Zeit der Passivität nach der Bundeswehr, als ich  nichts zu tun hatte. Da habe ich mich hochgegessen bis auf 104,5 Kilo. Das war mein Gewicht am 31.12.1982. Ich merkte, dass das zu viel war und dass ich was machen musste. Und ich wusste, dass ich einen Anlass brauchte. Also meldete mich in meinem Wahnsinn beim Silvesterlauf in Gersthofen bei Augsburg an, für volle 10 Kilometer. Ich wurde mit 1:06:40 Stunden Vorletzter. Hinter mir war nur noch der älteste Läufer, der war 78. Er wurde vom Bayrischen Rundfunk begleitet. Ich lief ständig mit der Angst, dass ich in die Abendschau komme.

Am nächsten Tag an Neujahr saß ich 10 Minuten auf dem Heimtrainer. Das machte ich eine Woche lang, dann brach der Heimtrainer zusammen. Mein Vater ließ den von einem Freund schweißen, dann konnte ich weitermachen. Das ist immer besser geworden, im März konnte ich das Lauftraining beginnen. Und am 31.12. 1983, also genau ein Jahr später, wog ich genau 67,5 Kilo und lief beim Silvesterlauf die 10 Kilometer in 40 Minuten und 36 Sekunden.

Über die Linie Wow.

Günter Klein Und 1986 habe ich zum ersten Mal einen Marathon mitgemacht. Als Sportjournalist mit über zwei Zentner Gewicht die Leistungsfähigkeit von Menschen beurteilen, das wäre nicht gegangen.

Sporteln macht Journalisten fairer

Über die Linie Irgendeine Art von Sport sollte ein Sportjournalist also machen?

Günter Klein Ja, ich fänd’s schon gut. Es muss nicht so sein, dass er aus dem Leistungssport kommt, aber dass man einschätzen kann, wie schwierig etwas ist, was Sportler leisten…

Über die Linie Um sich in den Sportler hineinversetzen zu können?

Günter Klein Um fair sein zu können. Mir sind die Urteile manchmal zu pauschal. Auch im Fußball. Wenn sowas passiert wie Frank Mill mit dem Pfostenschuss. Irgendwo kann man das schon nachvollziehen. Oder Kuba, der aus vollem Lauf drüberschießt – wenn es diesen Leuten passiert, dann kann es jedem passieren.

Ich habe viele Sportarten ausprobiert. Das ist ganz hilfreich. Mal im Achter sitzen oder Kanu-Slalom fahren. Es gab vor der Ruder-WM 2007 in München das Angebot, in einem Achter mitzufahren. Mehrere Pressekollegen machten mit, der Marcel Hacker saß vorne am Schlag. Und hinten einer, der das Gleichgewicht hielt. Es ist ganz interessant, dass man ein Gefühl dafür kriegt, wie es da zugeht.

Über die Linie Bist Du nach dem Volontariat übernommen worden?

Günter Klein Ja, ich hatte das Glück, dass sie für mich eine Stelle schufen, so konnte ich beim Sportkurier bleiben, bis 1994.

Vier Jahre Eishockey

Über die Linie Wie und wann bist Du nach München gekommen?

Günter Klein Ich bin 1994 vom Sportkurier weg, da ich das Angebot erhalten hatte, eine Eishockey-Zeitschrift aufzubauen. Es ging gut, acht Ausgaben lang, dann war das Kapital aufgebraucht. Wir „fusionierten“ mit einem bereits bestehenden Titel, dem „Eishockey-Magazin“. Das kuriose: Die schmissen ihre bisherige Mannschaft komplett raus und übernahmen uns von der „Eiszeit“ komplett. Das Blatt hieß dann „Eishockey-Magazin, vereinigt mit Eiszeit“.

In der Pionierzeit mit Eiszeit war es sehr schön, alles von Grund auf neu zu machen. Aber es gab überhaupt keine flankierenden Werbemaßnahmen. Die waren zwar versprochen worden. Aber davon wurde relativ wenig gehalten. Das mit dem Eishockey-Magazin ging bis Februar  98. Die haben dann den Titel eingestellt. Das Eishockey in Deutschland stagnierte. Und es gab mit „Eishockey-News“ eine wöchentliche Zeitschrift. Wir sind zunächst alle zwei Wochen, dann jeden Monat rausgekommen, dazu gab es einen wöchentlichen Newsletter. Das war aber alles nichts Richtiges und ich war froh, als es zu Ende war. Ich hatte das Glück, dass ich bereits für die Olympischen Winterspiele 1998 in Nagano akkreditiert war, obwohl es das Eishockey-Magazin nun gar nicht mehr gab.

Ich bekam Aufträge für die SZ und die Frankfurter Rundschau. Ich habe also immer schon viel nebenher gemacht zu der Zeit. Dadurch konnte ich mir das ganz gut finanzieren. Und ich sagte allen, dass ich jetzt arbeitslos sei: „Ab März, wenn ihr dann was für mich habt…“ Ich war am zweiten Tag aus Nagano zurück, da meldete sich der Münchner Merkur, zwei Tage später war das Vorstellungsgespräch und am 1. April habe ich angefangen, in München zu arbeiten.

Olympia statt zu starker Spezialisierung

Über die Linie Seitdem bist Du in der Sportredaktion vom Merkur. Und Du warst gleich für den FC Bayern zuständig oder für alles?

Günter Klein Es hat sich sehr schnell die Zuständigkeit für den FC Bayern ergeben. Mir wurde dann die Nationalmannschaft angetragen. Aber die WM 1998 in Frankreich habe ich noch nicht gemacht. Die machte noch mein Vorgänger, der in die Politik-Redaktion wechselte. Später wurde mir Olympia 2000 in Sydney angeboten. Seitdem habe ich alle Sommer-Spiele mitgemacht bis auf London. Ich habe mir mein Spektrum selbst erweitert. Ich bin im Grunde offen für alles. Also, ich mag keine so starke Spezialisierung. Ich find’ Boxen noch wahnsinnig interessant, von den Typen her. Ich habe mich noch um Rudern gekümmert, weil wir die Regatta-Strecke für den Weltcup in München hatten. Dort war wie gesagt 2007 die WM. Eishockey läuft jetzt wieder so nebenher mit, weil es in München wieder eine DEL-Mannschaft gibt.

Über die Linie Das heißt, die aktive Beobachtung des FC Bayern begann 1998, oder hast Du während der Eishockey-Zeit schon Fußball als Freier für andere Medien abgedeckt?

Günter Klein Ich habe früher schon beim Sportkurier FC Bayern gemacht. Ich war zum Beispiel 1987 im Europacup bei dem Wahnsinnsspiel in Madrid, als der Augenthaler dem Sanchez eine runterhaute und Pfaff so gut hielt. In meiner Eishockey-Zeit habe ich immer versucht, Fußball am Laufen zu halten. Und so habe ich für die Hannoversche Allgemeine Zeitung immer die Bayern-Heimspiele gemacht, weil die keinen eigenen Mann geschickt haben.

Als Redakteur für andere Zeitungen schreiben

Über die Linie Ist das auch heute noch üblich, dass man als fester Journalist noch für andere schreibt? Oder ist das eher ungern gesehen?

Günter Klein Eigentlich ist es ungern gesehen. Die Verträge sehen eigentlich vor, dass man zumindest nicht für einen Mitbewerber schreiben darf. Es wird in einem gewissen Maße geduldet. Ich habe mal ein bisserl ein Problem gehabt, weil ich vor der WM 2006 bei der Ballack-Buchvorstellung in der Welt mal was Größeres gemacht habe.

Über die Linie Also was Überregionales.

Günter Klein Ja, und unserer damaliger Geschäftsführer, mittlerweile verstorben, sah das auf dem Rückflug von Berlin. Der fand das nicht so lustig. Ich konnte ihm allerdings erklären, dass ich das an meinem freien Tag gemacht hatte. Ich schreibe öfter mal für die FAZ, letztens Augsburg, da wollten sie auf die Schnelle was über Altintop. Da tun wir uns nicht weh und das wird entweder nicht gesehen oder es wird geduldet.

Über die Linie Aber man muss nicht extra eine Genehmigung holen.

Günter Klein Ne, macht man net. Es ist eine Art Gewohnheitsrecht. Oder das DFB-Journal, die fordern zweimal im Jahr was an. Das ist sogar ganz sinnvoll, wenn man dann auch beim FC Bayern mal schneller wieder einen Einzeltermin kriegt, was ja immer schwieriger wird. Wenn man Markus Hörwick anruft und sagt, „Du, das DFB-Journal will vorm Länderspiel gegen Belgien ein Interview mit van Buyten…“. Mit dem DFB-Journal im Rücken geht es ganz schnell.

Die neue Rolle der Pressestelle

Über die Linie Die Zugangsmöglichkeiten zum Verein, zum Spieler, zum Trainer, wie hat sich das geändert? Ist es bei den Bayern besonders schwierig? Zum einen ist es natürlich verständlich, da die Masse der Anfragen wesentlich größer ist. Aber ist der Verein grundsätzlich bedeckter oder unzugänglicher oder im Gegenteil grundsätzlich eher offen im Vergleich zu anderen?

Günter Klein Es gibt allgemein die Veränderung, dass alles über die Pressestelle laufen muss.

Telefonliste mit Nummern aller Spielern und Trainer

Über die Linie Das heißt, früher war es möglich und auch üblich, Spieler direkt anzurufen, „hey, erzähl’ mal ein paar Sachen“ und es war gut – und die Pressestelle musste man danach nur noch informieren?

Günter Klein Nein. Wir hatten damals beim Sportkurier, der eine relativ kleine Zeitung war (mit damals 50.000 verkaufter Auflage zur Glanzzeit), vom FC Bayern jedes Jahr eine Liste mit den Telefonnummern der Spieler erhalten. 1998 war übrigens einzig beim Effenberg keine Nummer drauf. Bei allen anderen Spielern war die Handy- oder Festnetznummer drauf. Ich glaube, 1999 oder 2000 gab es die Liste nimmer, auch auf Anfrage nicht.

Über die Linie Gab es eine Begründung?

Günter Klein Ich kann mich zumindest an keine erinnern. Ich kann mich an eine Geschichte erinnern, als ich als Volontär beim Sportkurier für das Fußball-Magazin des kicker – wir waren der gleiche Verlag – eine Geschichte über den jungen, aufstrebenden Manni Schwabl machen sollte. Ich habe halt die Liste gegriffen, ihn in Holzkirchen angerufen und mit ihm was ausgemacht und ihn nach dem Training angesprochen.

Die Spieler sind bequem geworden

Es lief ja bei den Bayern im Grunde bis vor der Ära Klinsmann noch so, dass wir beim Training irgendwo standen, wo die Spieler rauskamen – da waren zwar Ordner da und es war abgesperrt…

Über die Linie Man konnte kurz was bereden.

Günter Klein Ja, oder man konnte zum Parkplatz, um einen zu befragen. Zum Beispiel war es in den Winter-Trainingslagern noch üblich, dass man einfach überlegte, wer wäre interessant? Und den hat man nach dem Training einfach angesprochen. Mittlerweile, seit dem letzten oder vorletzten Mal, ist es so, dass Einzeltermine auch nicht mehr möglich sind. Begründung: Es seien zu viele Leute akkreditiert. Und wenn alle was wollen, geht’s nimmer. Ich glaube, der Grund ist, dass sich die Spieler eine gewisse Bequemlichkeit angeeignet haben. Die Zeit für Gespräche wäre da, zumindest in einem Winter-Trainingslager, wo nicht so viele Kollegen mitfahren.

Über die Linie Das ist ja in einer warmen Gegend. Da waren also weniger mit, weil es so weit weg ist?

Günter Klein Weil es so weit weg ist, weil es teurer ist, und im Winter ist es weniger neu. Gardasee, Guardiola, da war natürlich ein Riesenandrang. Die offizielle Zahl war 140 Journalisten. Die mögen bei der ersten PK von Guardiola dagewesen sein. Aber danach waren die üblichen da. Also es waren oft nur 15 oder 20 Journalisten da. Es waren Spieler im Trainingslager, die es nicht als Belastung empfunden hätten, wenn sie ein Einzelinterview über 20 Minuten geben. Zum Beispiel die Amateurspieler, die teilweise recht interessant sind. Aber da ging gar nichts.

Verein und Verband wollen alles kontrollieren

Über die Linie Du hast gesagt, es gebe eine Bequemlichkeit der Spieler. Gibt es auch eine größere Ängstlichkeit oder Vorsicht oder einen stärkeren Kontrollwillen des Vereins?

Günter Klein Ich glaube, dass der Verein im Grunde alles kontrollieren will. Ich glaube, dass Vereine  wie auch Verbände heute daran interessiert sind, ihre eigene Medienmacht zu stärken. Wir haben rund um die Nationalmannschaft die Diskussion um DFB.de und DFB.tv.

Beispiel Mesut Özil im Herbst. Es ist Montag, die Nationalmannschaft ist den ersten Tag in München, es ist zugleich der letzte Tag der Wechselfrist: Der Özil-Wechsel zu Arsenal geht über die Bühne. Dienstag erste Pressekonferenz bei Mercedes an der Donnersberger Brücke (Münchner Innenstadt). Welcher Spieler kommt? Nicht Özil. Khedira kommt. Gut, Khedira ist nicht uninteressant, aber interessanter wäre Özil gewesen. Da heißt es, ja, der will sich nicht äußern, der muss das alles erst verarbeiten. Aber am Nachmittag ist auf DFB.de das Interview mit ihm zu sehen. Und das wird immer schwieriger.

Bei Bayern ist es ja genauso. Mit Götze. Der läuft nach dem ersten Spiel gegen den BVB durch die Mixed Zone. Er wolle sich nicht äußern, aus „Respekt“ vor Dortmund. Aber der „Respekt“ hält nicht bis zum nächsten Tag, wo er das Interview auf FCB.tv gibt.

Ein Problem für die Medien

Günter Klein Bei 240.000 Mitgliedern und einer hohen Auflage des FC Bayern Magazin hat der Verein eine gute Verbreitung. Hinzu kommen FCB.de und FCB.tv (Das Vereinsfernsehen hat derweil 40.000 zahlende Abonnenten; ÜdL). Der Verein erkennt mittlerweile, dass er selber mit seiner Berichterstattung viele Menschen erreichen kann. Und da sehe ich auf uns traditionelle Medien schon ein bisserl ein Problem zukommen, wenn der Verein es so steuert, wie er es jetzt steuert.

Über die Linie Gibt es bereits Reaktionen innerhalb der Kollegenschaft? Nimmt man das hin oder versucht man, Druck zu machen, von oben oder selber persönlich oder versucht das zu umgehen?

Günter Klein Bei der Nationalmannschaft gab es eine Sitzung von einem Arbeitskreis, bei dem ich allerdings nicht drin bin. Da wurde zumindest diese Unzufriedenheit mit der Situation ausgedrückt. Und bei Bayern wird halt gerne mal unter den Kollegen gemault. Aber es traut sich schon selten mal einer vor.

Wenn Uli Hoeneß zum Hörer greift

Über die Linie Bestraft der Verein einen Journalisten oder ein Medium, wenn man was „Unangenehmes“ geschrieben hat, wenn man sich beschwert oder nicht so spurt, wie er das gerne hätte?

Günter Klein Es gibt manchmal gewisse Druckkulissen, die der Verein aufbaut. Es gibt schon Anrufe. Ich habe sie bisher selten erfahren. Ich habe auch schon Hoeneß-Anrufe gekriegt, die laufen allerdings immer sehr korrekt ab. Wenn ihm was nicht gefallen hat, dann hört er sich die Gründe an, warum man das geschrieben hat… Und sowas endet meist relativ einvernehmlich, also da bleibt nie was hängen.

Wenn die Pressestelle anruft

Was es auch gibt, sind Anrufe der Pressestelle. Da habe ich kürzlich einen gekriegt, dass ich das Haar in der Suppe suchen würde und dass ich nur noch negative Themen besetzen würde.

Über die Linie Wünscht sich der Verein ganz konkret ein positiveres Licht oder ist das eine Argumentation im Sinne von „aber das war doch ganz anders“ oder wünscht man sich pauschal, dass Du die rosa Brille aufsetzt?

Günter Klein Nicht unbedingt die rosa Brille. Aber „es läuft alles so wunderbar bei uns, warum gibt es überhaupt noch negative Themen? Warum werden negative Themen gesucht?“

Anrüchiges Losverfahren mit den Karten für das Champions League Finale

In letzter Zeit waren es konkret zwei Geschichten. Nach dem Champions League Finale 2013 haben wir, vor allem über unsere Außenredaktionen, erfahren, dass viele, die Mitglied bei Bayern sind und an der Kartenverlosung teilgenommen haben, keine Karte gekriegt haben. Okay, Pech, großer Andrang. Die haben dann aber in ihrem Umkreis erfahren, der hat ’ne Karte gekriegt, der Fanclub ist versorgt worden, ohne dass er sich überhaupt beworben hat. Der Sportler, der Ski-Freestyler, der sonst nichts mit Fußball zu tun hat, der Eishockey-Nationalspieler ist mit einer Karte versorgt worden. Einer hat von der HVB eine Karte gekriegt, der nächste von einem Nachwuchstrainer von Bayern, wo jeder 10 Karten gekriegt hat.

Ich habe mir gedacht, die Geschichte muss man eigentlich machen. Die sagen, sie verlosen 25.000 Karten abzüglich der Pflichtkontingente. Wie viele Karten sind letztlich verlost worden? Dann habe ich der Pressestelle ein Fax geschickt mit einem Katalog von Fragen. Ich wollte einfach wissen, wie viele zum Beispiel über Gewinnspiele weggehen mussten. Immer vor dem Hintergrund, dass der FC Bayern riesigen Zwängen ausgesetzt ist.

Über die Linie Klar.

Günter Klein Dass ein Spieler ein gewisses Kontingent haben will, kann ich ja nicht verurteilen. Dass Angestellte des Vereins berücksichtigt werden, ist auch okay. Nur wollte ich wissen, ich wollte einfach errechnen, wie viele Karten sind letztlich unter den Mitgliedern verlost worden? Ich habe den Notar angeschrieben, der hat sich gemeldet. Er hat gesagt, er kann nicht sagen, wie viele verlost worden sind. Er kann nur sagen, dass er den Algorithmus überprüft hat und der in Ordnung sei.

Der FC Bayern selbst hat und hat nicht geantwortet. Ich habe die Frist verlängert und dann mal angerufen und einen total beleidigten Hörwick erwischt. Ich könnte froh sein, dass mich der Kalle in dieser Zeit nicht in die Finger gekriegt hätte. Sie geben keine Auskunft und ließen sich nicht vorführen. – Mittlerweile habe ich aus dem Verein nahestehenden Fankreisen erfahren, dass bei solchen Anlässen wie Champions League-Endspielen aufgrund der Beziehungen, die Bayern pflegt, wohl keine 5000 Karten letztlich wirklich unter den Mitgliedern verlost werden. Ich finde das schon ein wenig anrüchig.

Über die Linie Es hieß 25.000 und es waren nur 5.000?

Günter Klein Ob es letztlich 5000 waren, weiß ich nicht. Wenn es 15.000 waren, find’ ich’s jetzt auch noch ein bisserl wenig. Aber dass da viel über Beziehungen weggeht, ist offensichtlich. Und ich bin in dem Fall für Transparenz. Das war eine Geschichte, die hat man mir negativ angekreidet hat.

Die Fankultur

Günter Klein Die nächste Geschichte war, dass ich in den ganzen Diskussionen zwischen Verein und Fanclub Schickeria vielleicht „zu sehr die Fanposition“ wahrgenommen habe, als der FC Bayern zum Gespräch eingeladen hat – für den Tag vor dem Pressegespräch vom Club Nr. 12.

Über die Linie Kam die Einladung vom Club Nr. 12 zuerst und als Reaktion die vom FC Bayern, der aber für einen Tag davor einlud?

Günter Klein Ja, wobei der FC Bayern sagt, sie wussten nicht, dass es diese Club Nr. 12-Einladung gab.

Über die Linie Gut, das kann man glauben oder nicht.

Günter Klein Jedenfalls war das eine Dienstag und das andere Mittwoch. Und ich habe eine Geschichte über die Internationalisierung des FC Bayern geschrieben, welche Zwänge das mit sich bringt. Ich nehme an, dass ihnen die Fanpositionen zu breiten Raum eingenommen haben und die ihnen zu gut weggekommen sind.

Interessenkonflikte beim Thiago-Transfer

Die nächste Geschichte, die mir angekreidet worden ist – da war ich der erste, der zweite war Thomas Kistner von der SZ, der einen Kommentar geschrieben hat – war über den Thiago-Transfer: Warum hinterfragt den keiner? Sportlich mag er eine Granate sein. Aber es ist folgende Situation: Im Trainingslager am Gardasee sagt Guardiola, ich will diesen Spieler oder keinen. Und der Berater von diesem Spieler ist Peps Bruder.  Wenn das in der Wirtschaft wäre, wo bei jeder Auftragsvergabe ganz genau hingeschaut wird wegen der Compliance-Regeln; oder wenn ich an den bayerischen Landtag denke, wo Abgeordnete ein schweres Leben haben, weil sie mal den Stiefsohn für zwei Monate in ihrem Büro beschäftigt haben – da muss man auch mal ein bisschen sensibel sein und darf nicht einfach sagen – wie manche Kollegen das tun – ist super, dass die Bayern den Tipp gekriegt haben von Peps Bruder.

Man muss auch fragen, was verdient die Familie Guardiola dabei? Das ist für mich auch ein journalistischer Ansatz, das gehört dazu. Deswegen bin ich kein Bayern-Feind. Deswegen neide ich den Bayern nicht, dass sie den Spieler kriegen. Deswegen kann ich mich über das Können des Spielers genauso freuen. Aber man muss fragen, was gibt es da für Abläufe. Das ist Hintergrund, und der Hintergrund gehört für mich beim Sport einfach dazu.

Der Streit zwischen Pep Guardiola und Müller-Wohlfahrt

Die nächste Geschichte… Ich habe da wirklich so einen Lauf gehabt mit was „Negativem“… Wir fliegen nach Manchester. Ich sitze mit einem Kollegen von dpa am Abfluggate in München, mit dem Rücken zu mir sitzt Guardiola und telefoniert auf Spanisch. Das habe ich nicht verstanden. Dann kommt Müller-Wohlfahrt dazu und erzählt dem Guardiola, dass bei Thiago in Kürze die Schraube aus dem Fuß rauskommt und plötzlich fangen sie an zu streiten.

Hab’ mir am Anfang gedacht, Du kannst das nicht verwenden. Du kriegst es irgendwie mit…

Über die Linie Haben sie auf Spanisch oder Englisch gesprochen?

Günter Klein Auf Deutsch. Vor allem Guardiola war sehr streitbar. Müller-Wohlfahrt hat immer versucht zu beschwichtigen. Dass er den besten Operateur in ganz Europa gefunden hätte. Und Pep war halt unzufrieden wegen dieser Verletzten-Situation und Müller-Wohlfahrt hat immer gesagt „Ja, ich verstehe ja Deinen Druck und verstehe ja, was Du für Ziele verfolgen musst. Ich als Arzt sehe es halt anders.“ Aber es ist relativ heftig geworden. Und ich habe gedacht: Was hindert die beiden Herren daran, das im Flugzeug zu besprechen? Was hindert sie, das an der Säbener Straße zu besprechen oder im Hotelzimmer in Manchester? Wenn sie es öffentlich machen, müssen sie damit rechnen, dass es jemand mitkriegt. Und dann habe ich es geschrieben. Das ist mir angekreidet worden. Dass ich mich „hinter einer Mauer versteckt“ und die beiden „belauscht“ hätte.

Das erste und einzige Pep-Interview

Günter Klein Der letzte Streitpunkt war das Interview, das das Bayern-Magazin mit Guardiola gemacht hat. Dazu stand bei mir im Artikel der Satz „Angestellte des FC Bayern befragen einen weiteren Angestellten des FC Bayern“. Das ist mir als beleidigend ausgelegt worden.

Über die Linie Das verstehe ich nicht ganz.

Günter Klein Wir haben das vorab gekriegt und ich habe das Interview also ausgewertet, aber dazu geschrieben, dass er nichts zu Ibrahimovic gesagt hat, was wir erwartet hatten (Guardiola hatte zuvor in Manchester angekündigt, dass er sich demnächst dazu äußern würde). Und dass es im Grunde kein richtiges Interview sei, sondern eins, das ein Angestellter mit einem anderen Angestellten geführt hat.

Über die Linie Das ist doch so.

Günter Klein Ja, das ist so. Aber das war halt der letzte Punkt in einer langen Liste von Punkten.

Man schlägt sich und verträgt sich

Über die Linie Und wenn sich so etwas ansammelt, reagiert der Verein darauf mit Informationsverweigerung oder Interviewanfragen-Ablehnung für eine gewisse Zeit und dann ist man wieder ganz freundlich oder wie läuft das oder was passiert konkret danach?

Günter Klein Über alles wächst einmal Gras. Es gibt ab und zu Konflikte, das lässt sich nicht vermeiden. Da ist nie ein Konflikt ultimativ oder gerichtlich ausgetragen worden. Es werden Drohkulissen aufgebaut. Man selber reagiert dann auch und ist eine Zeitlang besonders kritisch. Aber man findet schon wieder zum Miteinander. Das sind so Krisen zwischendurch. Nur manchmal hat man als Journalist das Pech, dass man den Dienst hat oder dass einem etwas zugetragen wird und man muss es ja für irgendjemanden machen. Weil entweder Leser sich melden oder ein gewisses Interesse haben. Oder weil man als Journalist was mitbekommt. Und darauf muss man reagieren.

Das Ende der exklusiven Journalisten-Geschichten

Über die Linie Vor 10-15 Jahren, als Du angefangen hast, über den FC Bayern zu schreiben, hat die Pressestelle keine Rolle gespielt.

Günter Klein Man hat manchmal was über die Pressestelle gemacht und einen Termin offiziell angefragt. Wenn man wusste, man brauchte unbedingt einen.

Über die Linie Das waren jetzt Themen, die Du durch Zufall oder eigene Recherche herausbekommen hast. Das ist ja die ureigene Aufgabe des Journalisten. Ist es schwieriger geworden, exklusive Informationen zu bekommen? Gibt es neue oder andere Hürden?

Günter Klein Exklusivität gibt es fast nicht mehr bei Bayern – wegen den neuen Medien. Jeder versucht, im Internet Erster zu sein. Dieses klassische Bangen im Printbereich, am nächsten Morgen in der Früh zu schauen, was haben die anderen? Das gibt es heute nicht mehr, weil alles ganz schnell auf dem Markt ist. Die Exklusivität hat einen ganz anderen Maßstab. Entweder ist es ein Nischenthema wie die Ticketverlosung oder es ist wirklich ein Glückstreffer, weil man im Flughafen etwas mitbekommt, während sich die Kollegen gerade um „Was sagt Lahm in der Zeit über Sammer und wie reagiert Sammer?“ kümmern. Ich glaube, das einzig wirklich überraschend Exklusive, das sich bei Bayern zuletzt entwickelt hat, war der Götze-Transfer in der Bild-Zeitung. Da ist wirklich absolut dicht gehalten worden. Die waren sich so absolut sicher, und das ist wirklich zuerst in der Printausgabe und nicht auf bild.de gelaufen. Das war das einzige, woran ich mich erinnern kann, das wirklich ein Hammer war.

Über die Linie Du hast die Bild-Zeitung und Bild.de erwähnt. Wie kann man die Medienlandschaft um den FC Bayern in München beschreiben? Für den in Berlin lebenden in es sehr praktisch, die tz und die AZ online zu lesen und dort relativ viel mitzubekommen – die Zeitungen sind in der Hauptstadt gar nicht erhältlich. Wie ist das für Euch? Wie sieht das Verhältnis Merkur/tz aus? Wie getrennt oder gemeinsam arbeiten die Redaktionen?

Günter Klein Das Online-Angebot von tz und Merkur ist fast identisch. Da tauchen manchmal Artikel von der tz beim Merkur auf oder Artikel von mir bei der tz. Da haben wir als Redakteure wenig Einfluss. Die Internet-Redaktion führt weitgehend ein Eigenleben. Die einzige Ausnahme ist, wenn ich sage, stellt bitte mein Guardiola-Tagebuch aus dem Gardasee bitte bei uns auf die Online-Seite.

tz und Merkur sind klar getrennte Redaktionen mit ganz anderem Anspruch. Da gibt es sicher zwischen den Kollegen mal Themen-Absprachen oder Rückversicherungen. Ich beteilige mich daran nicht, weil ich finde, dass wir einfach zu verschieden sind und jeder besser seine eigenen Akzente setzt. Ich bin nicht so ein Boulevardzeitungsleser.

Die Münchener Presseszene wird immer als böse und aggressiv beschrieben, dass sie Trainer entlassen könnte. Das finde ich überhaupt nicht so und habe ich nie so empfunden. Das Verhältnis untereinander ist meist kollegial. Gewisser Wettbewerb, klar.

Die Trainer und die Presse

Die Trainer, die ich in München erlebt habe, waren so, dass man presseseitig keine großen Aggressionen entwickelt hat. Also Hitzfeld war wirklich ein feiner Mensch. Wenn ich ihn persönlich angegriffen hätte, hätte ich mich gar nicht wohlgefühlt. Magath fand ich total cool, korrekt, professionell. Einmal hat er mir in einer Pressekonferenz eine relativ scharfe Replik gegeben und rief aber fünf Minuten später an und fragte, ob das zu hart war. Da habe ich gesagt, nein, man muss schon was einstecken können, war nicht so schlimm. Also, Magath fand ich super.

Dann Klinsmann, ja, gut, der hat’s natürlich sehr schwer gehabt, von Anfang an. Ich fand ihn allerdings…

Über die Linie Alles kann er ja auch nicht falsch gemacht haben – oder im Nachhinein doch?

Verdienstvoller Klinsmann, überforderter Klinsmann

Günter Klein Mir gefällt nicht, wie im Nachhinein über Klinsmann geredet wird. Ich fand ihn für die Entwicklung im deutschen Fußball sehr wichtig, die er 2004 als Bundestrainer angestoßen hat. Bayern war etwas anderes, da war er einfach überfordert. Da hat ihm die Entschlossenheit gefehlt. Mit den Leuten umzugehen… So wie die Mannschaft jetzt besetzt, wäre das Desaster noch viel größer. Weil es einfach zu viele sind, die er enttäuschen müsste. Er hat Probleme, Leute zu führen. Das geht vielleicht mit einer jungen Mannschaft, die sich ganz von ihm erfüllen lässt. Wie sie von einem Propheten.

Bei der WM 2006 fiel mir auf, dass Spieler wie Metzelder oder Mertesacker, Spieler, die wirklich Grips im Kopf haben, die Dinge hinterfragen, dass die von ihrer Mission erfüllt waren. Die haben dem wirklich geglaubt, wir marschieren da durch. Wir glauben an uns. Solche Sachen kann er ganz gut. Aber mit wirklich reifen Spielern funktioniert sowas nimmer.

Klinsmann bei Bayern war als Trainer das ganze Jahr über ein Thema. Mir als Journalisten war das zu sehr auf ein Thema fokussiert. Das hat zuviel von der Mannschaft weggenommen.

Ja, van Gaal. Bei dem hat man weniger Scheu gehabt, den einmal so anzugehen.

Über die Linie Er hat auch selber gut ausgeteilt.

Günter Klein Ja. Das war zumindest interessant. Und bei Heynckes war es schon so, dass man fast keinen Kontakt mehr hatte. Van Gaal hat beibehalten, was Klinsmann eingeführt hatte, die getrennten Gespräche von Print und elektronischen Medien. Das war ein wichtiger Meilenstein. Zuvor gab es eine Pressekonferenz, alle zusammengewürfelt, Presse, Fernsehen, Radio, alle in dem kleinen Kabuff.

Klinsmann und der Verein haben ein neues Pressezentrum bauen lassen. Er und der Verein haben damit die Kontrolle bekommen, dass die Spieler nicht mehr auf dem Platz angesprochen werden, sondern dass der Verein vorgibt, wer kommt. Aber: Es ist ein Spieler zu Print gekommen und zu TV und Radio extra. So hat das Klinsmann gemacht. Van Gaal ebenso. Heynckes hat das wieder zusammengeworfen und Guardiola hat das so fortgeführt.

Über die Linie Um nicht alles doppelt zu erzählen?

Günter Klein Jetzt läuft es mittlerweile auf FCB.tv. Die Printrunden mit van Gaal waren gut. Die standen manchmal schon nach der ersten Frage vorm Abbruch. Aber die haben richtig was hergegeben. Das hat Heynckes, ich glaube, aus einer gewissen Bequemlichkeit heraus, wieder abgeschafft.

Die neue Bedeutung von Twitter für den Zeitungsjournalisten

Über die Linie Das Verhältnis Print-Digital – wie handhabt Ihr das? Du selbst bist ja auf Twitter aktiv, benutzt es aber eher zum Kommentieren als zur Werbung für die eigenen Artikel.

Günter Klein Wenn ich zu Hause bin, interessiert mich schon, was los ist. Da schaue ich mal bei Spox rein. Oder wenn Fußballkonferenz ist, schaue ich auf meinem Surface bei iLiga oder Eurosport die Liveticker. Ich lasse mich eher von Links führen. Die Bayern sind relativ restriktiv. Spox hatte es anfangs sehr schwer, auf Pressekonferenzen eingeladen zu werden. Bei Sport1 war man anfangs auch sehr zurückhaltend. Mittlerweile hat sich das normalisiert.

Das ist mehr ein freundliches Nebeneinander, das wird mehr als Ergänzung gesehen, nicht so direkt als Konkurrenz. Ich glaube, dass die Bayern da jetzt entspannter geworden sind. Das lässt sich auch nicht aufhalten.

Über die Linie Schreibst Du mit dem Leser am Frühstückstisch im Kopf? Bringt Ihr Sachen auch am Abend oder sofort?

Günter Klein Ich mache die reinen Printsachen. Ich muss schon überlegen, wie es sich am nächsten Morgen liest. Was wissen die Leser? Seit ich bei Twitter bin, hat sich mein Blickwinkel schon verändert. Weil sich Themen wahnsinnig schnell entwickeln. In der Redaktion lasse ich Twitter im Hintergrund mitlaufen. Man erfährt die Sachen wahnsinnig schnell.

Ein Beispiel war der Rücktritt von Tito Vilanova als Barcelona-Trainer. Das habe ich um viertel nach sechs bei @Barcastuff gelesen und sofort in der Redaktion beim Spätdienst angerufen, dass sich da was Größeres entwickeln würde. Da ist es extrem hilfreich, wenn man solche Geschichten erfährt.

Oder Geschichten wie mit Waldi, die entwickeln sich in Sekunden. Die kommen in die Zeitung, da sind sie auf Twitter fast schon wieder verglüht. Wer wird Millionär (WWM) war am Donnerstagabend, am Freitag ging es richtig rund, und am Samstag stand bei uns die komplette Abschrift aus WWM in der Zeitung. Da denke ich, da sind wir fast schon zu spät dran.

Über die Linie Anderseits: Die Twitteraner lesen das am Samstag nicht mehr. Die lesen sowieso keine oder wenig Zeitung. Es geht ja mehr um die Leute, die das sonst gar nicht mitbekommen.

Günter Klein Das stimmt. Wir haben eine wissenschaftliche Leseranalyse gemacht, zwar nicht repräsentativ, aber sie soll alle Verhaltensmuster der Leser aufzeigen. Da ist rausgekommen, dass die Menschen die Zeitung noch immer unheimlich gerne in die Hand nehmen. Die wollen das Papier, die wollen das Rascheln – aber Zeitungsleser sind ältere Menschen. Wir liegen im Schnitt so um die 55-60 Jahre.

Anfängliche Verachtung für Twitter

Über die Linie Benutzt Du Twitter für die Themenfindung oder um herauszubekommen, was gerade aktuell ist oder auch um Meinungen einzufangen?

Günter Klein Sowohl als auch. Für mich ist es ein bisschen ein Entertainment-Tool. Ich habe Twitter bis vor kurzem total verachtet. Wenn über die Agentur eine Meldung mit „Twitterstimmen“ lief: Da schrieb Andrea PetkovicHammer Olle“ oder Dirk Nowitzki „Super-Bayern“ mit hundert Ausrufezeichen. Das fand ich blöd.

Selber bei Twitter nachgeschaut habe ich erstmals nach dem Boxkampf von Klitschko gegen Chisora, als es zwischen Chisora und Haye die Prügelei gab.

Über die Linie Auf der Pressekonferenz.

Günter Klein Vor meiner Stuhlreihe. Ich musste bei der Staatsanwaltschaft  sogar eine Aussage machen. Ich schaute die nächsten Tage auf Twitter, was die beiden dort sagen. Das war die einzige Quelle. Da habe ich das zum ersten Mal so wahrgenommen. Ich fand es vorher albern aufgrund der nichtssagenden Statements.

Außerdem habe ich in der Redaktion gemerkt, dass ich Sachen raushaue, die andere lustig finden, und da dachte ich, das wären klassische Tweets. Also habe ich im Mai 2013 angefangen und war angefixt. Ich finde es schon lustig, wie sich Themen ergeben.

Über die Linie Bedeutet Twitter für die Vernetzung von Sportjournalisten was Neues? Bekommst Du mehr mit von ihnen oder sie von Dir, kennst Du jetzt mehr als vorher?

Günter Klein Viele, mit denen ich vernetzt bin, kenne ich bereits. Ich habe nach dem Anmelden viele gefunden, beispielsweise Marcus Bark und viele weitere aus dem Westen. Von der Nationalmannschaft kenne ich viele. Es ist schon lustig, welche Kreise das zieht. Ich habe meine Vorschau auf die FCB-Jahreshauptversammlung auf Twitter verlinkt, und hörte von einem Kollegen, dass er den Artikel über Facebook gefunden hat – wo ich gar nicht angemeldet bin. Das ist bemerkenswert, welche Kreise das zieht. Und um sich mit Kollegen auszutauschen, ist Twitter ganz nett.

Günter und die Fans

Über die Linie Hast Du dank Twitter einen anderen Blick auf oder für die Fans? Bekommst Du ein besseres Gespür dafür, was bei denen gerade passiert?

Günter Klein Mich hat Fan-Thematik immer interessiert. Ich habe vor der WM 2006, da war ich vielleicht der erste überhaupt, eine „Ultra“-Geschichte gemacht. Es gab damals noch nicht so viele Fans, die von sich gesagt haben, sie seien Ultras. Ich habe damals Simon von der Schickeria kontaktiert und eine ganze Seite darüber gemacht. Und ich habe schon ein Gespür für die Fanszene und seitdem die Kontakte. Die Fankultur halte ich für eines der interessantesten Themen überhaupt. Was passiert in den Stadien, in welche Richtung geht der Fußball? Ich haben letztens in London im Evening Standard (kostenlose U-Bahn-Zeitung) einen ganz interessanten Artikel gelesen über eine Studie, wie der Fußball in 50 Jahren aussehen werde.

Da stand, dass Arsenal und Chelsea zwei der drei größten Wirtschaftsfaktoren in London sein würden – von allen Firmen -, dass es völlig neue Übertragungsformen geben würde, die es erlaubten, den Fußball so zu empfinden wie im Stadion, fünfdimensional, mit Geruchseindrücken… Und dass die Fans bezahlt würden, um ins Stadion zu kommen. Und dass die beiden Clubs so groß sein würden, dass sie eigene Bildungsinstitutionen, Schulen und Universitäten, unterhalten.

Vielleicht ist das wirklich nur Spinnerei, aber ich habe das mal rausgerissen. Denn grundsätzlich ist für mich alles, was in den Bereich Hintergrund geht, wahnsinnig interessant. Wir machen in zwei von drei Wochen eine ganze Hintergrundseite, wo wir ein Thema ausführlich ausbreiten.

Die Leser sind aggressiver geworden

Über die Linie Erhältst Du auf die Artikel viel Leser-Resonanz oder ist es mehr Arbeiten im luftleeren Raum?

Günter Klein Wahnsinnig viel Feedback gibt es nicht. Wenn, dann ist es aggressiver als früher. Vor allem bei Kommentaren. Da geben wir unsere Email-Adresse an, und ich beantworte auch grundsätzlich jede, ob zustimmend oder ablehnend. Manchmal wundert es mich, wie wenig kommt. Z.B. bei kritischen Bayern-Sachen relativ wenig, aber dann kommt ganz überraschend sehr viel bei Themen, wo man nicht damit rechnet. Als z.B. Uli Hoeneß die Untersuchungshaft von Breno kritisierte, habe ich kommentiert, dass man im Sinne der Gleichbehandlung nicht fordern kann, Breno frei rumlaufen zu lassen, bloß weil er Fußballer ist und dass es sehr wohl Gründe gibt. Da habe ich unheimlich viel Zustimmung bekommen von Menschen, die sich zu Sportthemen gar nicht so äußern. Die z.B. als Bewährungshelfer arbeiteten und sagen, die Gleichbehandlung sei ganz wichtig. Aber solche Resonanzen sind eher selten. Sport bekommt nicht so viele Leserbriefe. Zu Olympia 2022 in München sind viele ablehnende gekommen.

Hier geht’s zum abschließende Teil II. Darin geht es unter anderem um die Frage, wann man eine Geschichte veröffentlicht, um Uli Hoeneß, Peps Deutsch-Taktik, einen Job für Oli Kahn und die Frage, was eigentlich Sammer macht.

Das Gespräch führte Stefen Niemeyer

Vom Libero zur Doppelsechs: Eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs (Anzeige)