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Trainingslager in Katar

Wer in den siebziger Jahren groß geworden ist, hat noch die Dominanz des Prinzips „Wandel durch Annäherung“ erlebt. Später als Rechtfertigung zur Anpassung des Westens an eine „kommode Diktatur“ im Osten verkommen war es auch eine Strategie, durch Kennenlernen und Austausch einen Wandel des Gegenübers zu erreichen. An dieses Vorgehen denke ich immer wieder, wenn es heutzutage um die Frage geht, ob man mit einem chinesischen, nordkoreanischen oder saudi-arabischen Machthaber spricht oder ihn gar besucht – oder, auf den Fußball bezogen, ob man sich auf die wenigen Demokratien der Welt beschränkt, in die man sich bei freiwilligen Reisen begibt.

Bayern-Dino Uli Hoeneß hat die siebziger Jahre nicht nur fußballerisch, sondern auch politisch miterlebt und kennt das Prinzip. So ist es nicht erstaunlich, dass er die Ausflüge der Profimannschaften nach Katar im Januar 2018 mit einem „Es tut sich was“ gerechtfertigt hat: „Nicht hinfahren, nicht miteinander reden und sich einbuddeln – damit ändert und bewirkt man gar nichts.“ Der FC Bayern förderte nach Hoeneß‘ Interpretation so die Abschaffung des berüchtigten Kafala-Systems (ein sklavenartiges Wirtschaftssystems zur Fesselung der Millionen ausländischen Gastarbeiter) und trägt nun unter anderem zur Gleichberechtigung bei – schließlich fliegt nicht nur die Männermannschaft der Bayern regelmäßig im Winter ins Trainingslager nach Doha, nach 2018 wird auch in diesem Jahr das Frauenteam erneut vor Ort sein (diesmal Ende Januar, drei Wochen nach den Männern).

Fortschritte

Ein Argument ist nicht schon deshalb falsch, weil es von Hoeneß kommt – tatsächlich tut sich etwas im monarchisch-absolutistisch organisierten Staat. Er versucht wie manche der arabischen Rohstoffländer eine Alternativwirtschaft zur reinen Gas- und Ölförderung aufzubauen und setzt seine Milliardeneinnahmen unter anderem in Beteiligungen an deutschen Unternehmen ein – und im Fußball. Die Gesetzeslage für Ausländer hat sich verbessert, wie auch Human Rights Watch bestätigt („Katar: Krisenjahr beflügelte Reformen – Nun geht es um die Umsetzung“) oder es gerade der deutsche Direktor gegenüber dem Münchner Merkur ausgedrückt hat: „Man kann sagen: Katar ist auf dem richtigen Weg.“
Selbst in der Frage der Isolation Israels, was gerade für den FC Bayern mit dem Kurt-Landauer-Erbe ein wichtiges Thema sein sollte, kommt etwas, ein wenig, in Bewegung (siehe „Wie das Ansehen Israels in der arabischen Welt steigt“, FAZ Plus am 28.12.2018).

Vorschläge

Also alles gut mit so einem Trainingslager? Mitnichten. Katar gilt weiterhin als Förderer des IS und der Hamas, die zu den übelsten Terrororganisationen der Welt gehören. Aber wie in jedem Land gibt es Kräfte, die es in die eine oder andere Richtung treiben wollen. Ich finde es gut, wenn wir mithelfen, wenn die Kräfte in Richtung Freiheit und Gleichberechtigung gestärkt werden. Dazu gehören aber mehr als eine reine Anwesenheit oder ein paar Show-Termine mit Bevölkerung und Machthabern, sondern ernste Gespräche mit ihnen und zum Beispiel Besuche bei christlichen oder jüdischen Familien – Wird es dazu kommen? Ich hoffe es.

Nachtrag

Die Rheinische Post hatte mich gebeten, zum Thema Trainingslager in Katar Stellung zu nehmen. Das habe ich gerne getan, Redakteur Stefan Klüttermann hat meine Argumente für seinen Aufmacher im Sportteil verwendet, der Artikel ist hier nachzulesen.

Zugleich hat bei n-tv der Bayern-Blogger und Buchautor Justin Kraft die Fahrt verurteilt („absolute Katastrophe“, „der FC Bayern verrät sich dadurch selbst“). Seine Argumente hat Daniel Bedürftig aufgezeichnet und in einer „Faktencheck“ genannten „Analyse“ veröffentlicht, die im Wesentlichen ein Kommentar ist. Bemerkenswert ist, dass die Aussagen vom Direktor von Human Rights Watch Deutschland, Wenzel Michalski, dort ganz anders gewertet werden, wie er heute selbst auf Twitter schreibt. Aber lest selbst.

Erfreulich finde ich, dass der FC Bayern einen Bayern-Blogger nach Katar eingeladen hat, der als @texterstexte bekannte Christian Nandelstädt hat sie ebenso erfreulicherweise angenommen. Manche Kritiker halten das für „unanständig“, ich nicht. Ich bin gespannt auf Christians Bericht.

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