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„Wir verabschieden uns mit einem guten Gefühl“ – Domènec Torrent über Pep Guardiolas wichtigstes Vermächtnis: taktische Variabilität

Interview mit Domènec Torrent, Co-Trainer FC Bayern München

Herr Guardiola gibt keine Interviews. Das ist bedauerlich. Und ärgerlich. Denn es gibt genügend Fußballjournalisten und -Blogger, die sich nicht auf zerrissene Hosen fokussieren. Sondern Fußball. Und Taktik. Peps Lieblingsthema. Man kann sich als Bayern-Reporter drei Jahre über Peps Einstellung ärgern und deshalb erst gar nicht versuchen, ihn zu ergründen. Oder aber versuchen, an sein Umfeld zu gelangen und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Isaac Lluch, Fußball- und Deutschland-Berichterstatter für katalanische Medien ist das gelungen, er hat es nun erneut geschafft, mit Domènec Torrent zu sprechen. Der Co-Trainer von Guardiola, ebenso wie Pep selbst formal noch bis heute Angestellter des FC Bayern, spricht über die drei Jahre in München. Wie sich die Bayern-Spieler geändert haben, die Taktik der Bayern und der deutsche Fußball insgesamt.

Hier das Interview von Isaac Lluch:

Wenn Domènec Torrent eines seiner Lieblingsrestaurants in München verlässt, macht die Oberkellnerin eine traurige Mine. Guardiolas Trainerstab und Guardiola selbst lassen in Bayern viele Freunde zurück. Der noch amtierende Co-Trainer des FC Bayern München bewegt sich durch das Zentrum der bayerischen Hauptstadt mit der Leichtigkeit eines Menschen, der sich hier drei Jahre lang zu Hause gefühlt hat. Torrent erzählt, wie er die Transformation des Deutschen Meisters in der Guardiola-Ära erlebte und wie sich der Trainer aus Santpedor weiterentwickelt hat.

Isaac Lluch Erinnern Sie sich noch an die erste von Ihnen neu beim FC Bayern eingeführte Rondo-Übung?

Domènec Torrent, 2013-2016 Co-Trainer von Pep Guardiola beim FC Bayern
Domènec Torrent, 2013-2016 Co-Trainer von Pep Guardiola beim FC Bayern

Domènec Torrent Bei der ersten Trainingseinheit in der Allianz Arena vor 20.000 Menschen haben wir ein paar Rondos und Positionsspiele gemacht, die sehr typisch für Pep sind. Bei Bayern verstand man die Rondo-Übungen als einen Spaß, aber für Pep haben sie eine grundlegende Bedeutung, und die Spieler sollten sie von Anfang an auch so verstehen. Man kann einen großen Unterschied erkennen, wie die Spieler die Rondos anfangs wahrnahmen und wie sie sie heute wahrnehmen. Wir können in ihnen einen wesentlichen Beitrag Guardiolas zu Bayern erkennen.

Lluch Welche Unterschiede meinen Sie?

Torrent Für die Spieler war das Rondo wie gesagt bis dahin nur eine Übung am Anfang oder Ende des Aufwärmens gewesen, praktisch nur ein Spaß: Der Ball konnte einfach zehn Meter durch den Kreis fliegen, ohne den Boden zu berühren. Es war ein anderes Verständnis als wir es hatten. Aber vom ersten Tag an sagte Pep den Spielern, wie wichtig ihm die Übung ist, wie wichtig es für die Spieler ist, sich zu platzieren, wie sie den Ball annehmen und ob die Kontrolle mit dem rechten oder linken Fuß die richtige war. Denn das Rondo ist bereits eine technische und taktische Übung und damit Teil des Trainings. Pep ist der Überzeugung, dass mit dem Rondo viele Dinge verbessert werden. Die Spieler verstanden ihn sofort. Eines Tages sahen wir uns aus Neugier die Rondos der ersten Trainingssesions, als sie den Spielern noch schwer fielen, und die des zweiten Jahres an. Es war wie Tag und Nacht. Der Ball flog nur so hin und her, die Spieler spielten mit Qualität. Und es lief sehr gut.

Lluch Kann man sagen, dass sich das Positionsspiel des deutschen Meisters 2013 noch im Anfangsstadium befand?

Torrent Sie hatten es nie gespielt. Sie hatten den Sinn des Positionsspiels nicht gekannt. Für Pep, für die Barça-Schule ist es in Fleisch und Blut übergegangen, in Deutschland dachte man, es ginge nur darum, in Ballbesitz zu bleiben. Aber beim Positionsspiel geht um das Wissen der richtigen Position und Formation bei Ballbesitz; und wenn du den Ball nicht hast um das Wissen, wo die Lücken sind und wohin du gehen musst, um zu pressen.

Das Rondo ist eine rein taktische Übung mit einer physischen Komponente. (Fitness-Trainer) Lorenzo Buenaventura maß die Belastungswerte, der Puls war sehr hoch. Rondos sind eine umfassende und  essentielle Übung, um Geschwindigkeit und Sinn des Positionsspiel zu vermitteln. Nach ein bis zwei Monaten wurde den Spielern klar, dass es nicht nur darum ging, den Ball zu behalten, sondern darum, wie man ihn zu spielen hat.

Lluch War es für die Spieler sehr schwierig, die Ideen zu erfassen?

Torrent Sie haben es schnell verstanden. Philipp Lahm hat das Rondo geliebt, wenn wir es mal nicht im Programm hatten, wünschte er es sich von uns. Und Torwart Manu Neuer wollte bei den Übungen immer dabei sein, weil es sein Spiel mit dem Fuß stark verbesserte. Auch an Erholungstagen fragte er, ob er mitmachen könnte. Die Spieler erkannten den Nutzen des Positionsspiels, das Spiel auf dem Feld kam ihnen nun viel einfacher vor und sie sahen, dass es sinnvoll war, was sie im Training taten.

Lluch Wie lief der Prozess, die Spieler zu überzeugen?

Torrent Die Spieler waren ja schnell überzeugt (eine andere Sache ist, wovon die hiesigen Medien schwärmen). Die Fußballer waren schon immer sehr offen für Peps Ideen und machten sie sich sofort zu Eigen. Es ist ein Verständnis von Fußball, zu das ihn Cruyff ermutigt hat (und das Barça hoffentlich erhalten bleibt). Es gibt Leute, die direkteren Fußball bevorzugen, aber das Positionsspiel von Barça und Bayern hat sich ausgezahlt.
Die deutschen Spieler waren wie erschlagen von der Arbeitsintensität. Abgesehen von einer brutalen körperlichen Anstrengung praktizierten sie das Wesen des Fußballs: Ballverlust, Pressen, Rückeroberung durch Öffnung der Spielerposition und der Versuch des erneuten Ballbesitzes.

Lluch Um welche Nuancen hat sich das Profil der Bayern-Spieler verändert?

Torrent Vielleicht hier gab es mehr Intensität nach einem Ballverlust, weil die Spieler körperlich stark und sehr schnell bei der Rückeroberung sind. Das Positionsspiel erschien ihnen sehr nützlich, weil es nicht nur bei Ballbesitz von Vorteil ist, sondern auch, wenn sie ihn verlieren. Die Frage ist nicht zu pressen oder nicht zu pressen, sondern zu wissen, in welche Zonen und in welche Lücken man gehen muss, um sie zu (er)schließen. Mit einer Vorwärtsverteidigung 40 Meter vor dem Tor hat Bayern mit Pep den Rekord für wenigsten Gegentore (17) aufgestellt, und das Positionsspiel hat sehr viel damit zu tun.

Der erstaunliche Gegentor-Rekord

Lluch Guardiola-Teams gelten immer als offensiv, aber es entsteht der Eindruck, dass er ebenso viel Wert auf die Verteidigung legt.

Torrent Pep schützt sich mit Ballbesitz. In den vier Barça-Jahren war sein Team das mit den wenigsten Gegentoren. Und das Gleiche passierte während der drei Bundesliga-Jahre. Und niemand kann sagen, dass uns die besten Verteidiger zur Verfügung standen, als wir in dieser Saison den Rekord für die wenigsten Gegentore schafften. Denn 80% der Zeit spielten wir ohne gelernte Innenverteidiger, da sie verletzt waren. Pep hat Kimmich, Alaba und auch Rafinha als Innenverteidiger erfunden. Seine defensive Idee funktioniert. Es ist schon erstaunlich, dass bei Pep niemand daran denkt, dass in seiner siebenjährigen Karriere seine Mannschaften immer die mit den wenigsten Gegentoren gewesen sind.

Peps Weiterentwicklung

Lluch Was ist der Schlüssel gewesen, eine gemeinsame Identität im Team zu finden?

Torrent Wenn du ankommst, hast du eine Vorstellung von den Fähigkeiten der Spieler. Am Anfang denkst du, jener Spieler kann dieses oder jenes, aber dann merkt man, dass das vielleicht nicht der Fall ist. Und du siehst vielleicht Qualitäten, die aus der Ferne nicht zu erkennen waren. Zum Beispiel Lahm: Lahm wurde wie Barças Xavi, wegen seiner Intelligenz, seines Rhythmus‘ und seiner Spielkontrolle. Guardiola hat die besten Qualitäten der Spieler in den Dienst des Teams gestellt. Ohne seine Idee der Beherrschung des Spiels zu verraten, hat er sich weiterentwickelt: Er hat die Außenverteidiger nach innen gezogen, drei Spieler haben die Positionen an den Seiten verändert, und das Team war in der Lage, dreimal in einem Spiel das System zu ändern, ohne dass man es bemerkte.

Wir verfügten nicht über Messi, Iniesta, Xavi und Busquets, dennoch haben die Bayern in drei Jahren nicht einmal weniger Ballbesitz als der Gegner gehabt. Bei Barça hatte Guardiola große Spieler, er hat sie alle um ein Vielfaches verbessert. Er erfand die falsche Neun, die beiden Außenspieler, die in den Raum stachen, aber er hatte nur einmal das System verändert – als Cesc kam, der die Qualität aller erhöhte. Bei Bayern hingegen spielten wir alles: 5-3-2, 3-4-3, 4-2-3-1, 4-3-3, 4-4-2, ein 4-4-2 mit Raute… Wenn heutzutage ein Gegner mit Dreier-, Vierer- oder Fünferkette antritt, hat Pep bereits eine Idee im Kopf, wie zu handeln ist. Es war sehr flexibel. Er hat nie gesagt: „Ich bin Pep Guardiola und spiele immer auf die eine Art und Weise.“

Lluch Glauben Sie also, dass Guardiolas wichtigstes Vermächtnis die taktische Variabilität ist?

Torrent Ich denke schon. In allererste Linie profitieren seine Spieler vom taktischen Reichtum, sie haben nun ein Gefühl für die verschiedenen Varianten. Peps Arbeit hat seine Kollegen beschäftigt, vielleicht weil sie unter dem taktischen Variantenreichtum der Bayern gelitten haben.

Lluch Bei welchen anderen Teams hat Pep Spuren hinterlassen?

Torrent Dortmunds Trainer Thomas Tuchel hat selbst gesagt, dass er ein Bewunderer von Pep ist und dass er sein Team auf Basis der Ballkontrolle stark weiterentwickelt hat. Tuchel glaubt an Peps Idee und hat sie sich zu Eigen gemacht. Auch Borussia Mönchengladbach mit André Schubert hat gezeigt, dass sie mehr von hinten aufbauen und nicht mehr so direkt spielen – wie es nun auch das Hoffenheim von Julian Nagelsmann macht.

Wir haben gesehen, dass ungefähr zehn Teams in Standardsituationen Räume des Gegners decken (keine Manndeckung), während es vorher nur zwei oder drei waren.

Ihnen hat Peps Idee gefallen, und sie haben gesehen, dass sie wirkte. Auch in der deutschen Nationalmannschaft ist ein Einfluss Peps zu erkennen, aber das wird man erst mit der Zeit und etwas Distanz zu schätzen wissen.

Lluch Glauben Sie, dass Sie auch ein wenig „Deutsch“ geworden sind?

Torrent Ja, dadurch, dass wir sehr viel schneller umschalten. Vielleicht sind die Bayern-Spieler mit dem Ball am Fuß sind nicht so brillant wie Barça-Spieler, aber in den Räumen und mit ihrer Geschwindigkeit tun sie dem Gegner sehr viel mehr weh. In Wertschätzung dieser Eigenschaften versuchen wir schnell umzuschalten mit eher drei als fünf Ballkontakten.

Guardiolarisierung von Müller und Lahm

Lluch Und viele Spieler sind „guardiolarisiert“ worden…

Torrent Pep sah nach sieben oder acht Trainings, dass Lahm in der Mitte spielen könnte. Er verlor keinen Ball und machte keine Pausen.

Lluch Und wie steht es um die Guardiolarisierung Thomas Müller, dem Schlüsselspieler des FC Bayern?

Torrent Müller ist jetzt ein anderer Spieler. In den ersten Monaten, als ich gefragt wurde, an wen er mich erinnerte, sagte ich Julio Salinas, weil er ein großer, schlanker Spieler ist, der seine Tore macht und auf dem Spielfeld mal hier, mal dort auftaucht. Müller ist ein Spieler, der sicherlich einmal WM-Rekordtorschütze werden wird. Er sagt ja selbst, dass er sich weiterentwickelt hat, dass er viel mehr vom Spiel verstanden hat. Es läuft nicht mehr so viel und ist ruhiger geworden, weil er weiß, dass er den Ball bekommen wird. Und dies ist auf Peps Einfluss zurückzuführen.

Lluch Ein konterrevolutionärer Einfluss.

Torrent Eine Konterrevolution war es eher für die Presse oder die Fans, weil die Spieler sehr schnell Peps Ideen folgten. Nach drei Jahren sagten sie uns, dass sie die Bundesliga nie zuvor so dominiert hatten. Sogar im Triple-Jahr war der Spielstand oft bis kurz vor Spielende Gleichstand, bis sie aus ihrer inneren Kraft die Stärke zogen, die Spiele zu ihren Gunsten zu drehen.

Lluch Sind noch Aufgaben unerledigt liegengeblieben?

Torrent Es war unsere erste Erfahrung im Ausland und wir haben uns angepasst. Es hat uns genützt.

Ein fehlendes Finale

Lluch Und die Champions League?

Torrent Uns fehlte das Erreichen des Finales. Ich denke, die Champions League ist in diesem Jahr ungerecht gewesen – obwohl Atlético das gleiche denken wird. Weder gegen Madrid noch gegen Barça hätten wir es verdient gehabt weiterzukommen. In diesem Jahr schon. Aber ich spüre, dass die Menschen uns für diese fantastischen Jahre sehr danken. Wir verabschieden uns mit einem guten Gefühl.

Lluch Und nun kommt die Premier League.

Torrent Ich denke, dass die Erwartungen an Pep in die falsche Richtung gehen. Es wird gesagt, dass wir den Stil ändern, aber so ist es nicht. Pep bringt neue Ideen mit, ja, aber er passt sich in jedem Land an dessen Fußball an. Ich will damit nicht sagen, dass es die Idee Peps wäre, nichts zu ändern, sondern sein Verständnis von Fußball zu vermitteln, das nicht besser oder schlechter ist sondern anders.

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Das Interview erschien am 13. Juni 2016 in der katalanischen Zeitung ara. Stefen Niemeyer hat die spanische Übersetzung ins Deutsche übertragen.

Vom Libero zur Doppelsechs: Eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs (Anzeige)

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