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Menschen im Sport: Der Journalist Frank Lußem

Frank Lußem mit Sohn Eliano

Wir haben uns mit dem meinungsfreudigen und meinungsstarken kicker-Redakteur Frank Lußem (56) unterhalten, er ist Leiter der „Redaktion West“ und Reporter für den FC Köln, war es davor lange Jahre für Bayer 04 Leverkusen. Wir sprachen im Medienraum des Stadions von B04 („BayArena“), wo die Pressekonferenzen des Bundesligisten stattfinden. Es ist Freitagabend, der 18. November 2016, kurz vor dem Spiel gegen RB Leipzig, mit dem der Aufsteiger erstmals in der Vereinsgeschichte die Bundesligaführung übernommen hat. Lußem kam aus Madrid von einem Interview mit Toni Kroos, den er von dessen Jahren bei Bayer und in der Nationalmannschaft recht gut kennt. Es geht um den Journalismus, die Nachrichtenjagd und Fischen im Trüben, die Frage, was den Fußball heute ausmacht; wie Morddrohungen dazu führten, sich ernsthaft mit dem Internet zu befassen und was Twitter für ihn bedeutet; was Pep und Stöger unterscheidet… Nehmt euch Zeit für Anekdoten über Abenteuer von gestern und heute:

Über die Linie! Du bist seit 36 Jahren durchgehend beim kicker als Sportjournalist. Im Vorgespräch hast Du gesagt, damals konnte man seine Familie ernähren, du hast es gerne gemacht, aber du würdest es heutzutage nicht unbedingt empfehlen. Was ist passiert?

Frank Lußem Das hat weniger mit der Attraktivität des Jobs zu tun. Die ist unverändert hoch. Gerade wenn du bei einem seriösen Medium landen kannst, ist das immer noch absolut erstrebenswert. Allerdings bekommen immer mehr Kollegen das Problem, dass sie nicht wissen, wie sie perspektivisch-wirtschaftlich denken sollen oder können. Weil schlicht und einfach die finanzielle Attraktivität des Jobs weitgehend verschwunden ist. Der Sportjournalismus wird teilweise zu einem Billiglohnjob mit Zeilenhonoraren, die jeder Beschreibung spotten. Mit Seiten, die von Agenturen zusammengestöpselt und von seriösen Zeitungen gekauft werden, um Redakteure oder feste freie Mitarbeiter einzusparen. Das führt zu immer weniger wirtschaftlicher Sicherheit für Journalisten und immer weniger Identifikation mit dem Beruf und dem Blatt. Wenn nur noch zusammengestöpselt wird, dann ist das Endprodukt nichts mehr, woran du deine Freude hast.

Abenteuer WM-Halbfinale

Frank Lußem Man kann sich fast gar nicht mehr vorstellen, wie wir früher gearbeitet haben. Während der Weltmeisterschaft 1982 war ich in Nürnberg in der Zentralredaktion. Halbfinale, das Spiel gegen Frankreich. Wir hatten damals bei großen Veranstaltungen sechs Außendruckorte, die mussten alle per Fax mit den Schlagzeilen für die Seite 1 versorgt werden. Das waren Faxgeräte, die waren so groß wie die Computer, die man in den alten James Bond Filmen sieht. Harald Kaiser, wie ich Volontär ab dem 1.10.1980 und bis heute beim kicker, und ich mussten die bedienen. Die ganze Aufregung wegen des Fouls an Battiston, keiner wusste, was da wirklich passiert war. 1-1 nach 90 Minuten, 8 Minuten später 3-1 für Frankreich, „Deutschland trauert“ ratterte durch die Faxe, plötzlich schießt Rummenigge das 3-2, Klaus Fischer in der 108. Minute das 3-3, dann hieß es wieder alles zurück, Elfmeterschießen. Am Ende war es so, dass wir beiden Volontäre die Überschriften gemacht hatten und draufschrieben „Letztes Blatt bitte vernichten, alles neu“, Deutschland hatte im Elfmeterschießen gewonnen. Das war Wahnsinn. Schließlich saßen rund ein Dutzend Leute im Büro, alle fertig, alle waren durchgeschwitzt, wir haben ein Bier aufgemacht, uns angeguckt und waren die glücklichsten Menschen wahrscheinlich in ganz Deutschland. Das war einfach schön. Und diese Erlebnisse haben viele, viele Kollegen heute nicht mehr.

So ein Gefühl hatte ich zuletzt 2013 bei unserem Champions League Sonderheft. Wir haben in der Nacht des Finales Bayern gegen Dortmund das Heft endproduziert. Ich habe damals vom Fernseher weg geschrieben, wir konnten nicht mehr auf die Kollegen im Stadion zurückgreifen. Wir hatten einiges vorproduziert, aber es musste natürlich das Erlebnis an sich noch rein. Ich glaube, dass mir damals der schönste Artikel gelungen ist, den ich in meinem Leben geschrieben habe. Ich war wirklich berauscht, wie von Sinnen und das ohne ein Bier: Es war Alkoholverbot an dem Abend…

Andere Zeiten

Über die Linie! War früher Alkoholpflicht?

Frank Lußem Ja, das kann man schon sagen. Wenn ich als junger Volontär morgens reinkam wurde ich mit „Kollege, Parole Pils!“ erst einmal zum Bierholen geschickt. Das war so. Das war eh anders, da wurde geraucht, da wurde gesoffen – und über den Rest schweigen die mitteleuropäischen Väter. Das waren andere Zeiten, andere Menschen, andere Ausbildungen.

Und es war ein ganz anderer Fußball. Wenn ich schon höre, heute waren es nur 91% Auslastung im Stadion, früher haben da 91 gesessen. 91 Leute, nicht 91 Prozent. Wenn Köln gegen Bochum spielte, kamen achttausend Leute. Leverkusen ist 1988 Europacupsieger geworden, die hatten einen Bundesligaschnitt von 8800 Zuschauern. Das war so. Da sind nur die Leute zum Fußball gegangen, die sich für Fußball interessiert haben.

Über die Linie! Der Fußball ist anders, die Menschen sind anders, was sind die Treiber der Veränderungen? Die Jungs werden anders ausgebildet, die Jungs interessieren sich nicht mehr dafür, so wild zu leben, oder ist es von der Belastung her nicht mehr machbar?

Frank Lußem Was den Fußball angeht ist es der Kommerz, der ihn sich gegriffen hat und vom Fußball auch mit offenen Armen empfangen wurde. Die letzte Raketenstufe war 2006 die WM in Deutschland oder sogar im Jahr davor der Confed-Cup. Da konnte man schon absehen, was passieren wird, mit den neuen Stadien… Bei den alten hatte man sich ja eine Mittelohrentzündung geholt, hier hast du auf ‘ner Holzbank gesessen, hier habe ich mir Splitter in den A… gerissen. Das ist gar nicht mehr vorstellbar, wo wir früher gesessen haben. Das war ja nicht schlecht, das war auch Bundesliga. Und Deutschland war erfolgreich unter all diesen Voraussetzungen, auch in Europa. Aber den Wettlauf hat man halt mitgemacht.

Die Zeitenwende in unserem Job geschah mit der Übernahme der Bundesliga-Übertragungsrechte durch RTL (Ende der 1980er Jahre). Damit begann eine Boulevardisierung auch der elektronischen Medien. Nur im Radio bist du heute noch auf dem Level von früher, da wird heute noch geschrien, wenn ein Tor fällt, das ist auch gut und recht. Aber im Fernsehen ist das in meinen Augen, oder in meinen Ohren, viel zu viel. Unabhängig davon, wessen Fan er jetzt ist oder war, bin ich ein großer Fan von Marcel Reif und seiner Art des Kommentierens. Die ruhigen Vertreter gefallen mir wesentlich besser.

Über die Linie! Man fühlt sich ja in eine völlig fremde Zeit versetzt, wenn man sich alte Aufnahmen von den Europa- oder Weltmeisterschaften aus den 60er oder 70er Jahren ansieht.

Frank Lußem Das hat gar nichts mit den Kollegen zu tun, da versucht sicher jeder, sein Bestes zu geben. Das ist auch in Ordnung, gefällt vielen, aber wenn man mich schon fragt. Vieles hat sich verändert, weil plötzlich viel mehr Menschen mit Fußball zu tun haben. Früher war der Fußball so eine in sich geschlossene Gesellschaft. Dann brachen immer mehr Leute von allen Seiten ein, da hat er ein bisschen seine familiäre Art verloren, die er noch bis tief in die 80er Jahre hatte.

Über die Linie! Ist das mehr eine Beschreibung oder auch ein Bedauern?

Frank Lußem Nein, es ist eine Beschreibung. Ein Bedauern ist es aus folgendem Grund nicht: Als erwachsen werdender Mann hätte ich gar nicht mehr den Bock gehabt, das alles zu machen, was ich früher gemacht habe. Ich wäre aber als Journalist so ehrgeizig gewesen – weil ich immer so ein Nachrichtenjäger war und auch noch bin -, dass ich hätte dabeibleiben wollen, um auch diese Nacht noch durchzumachen, um zu hören, was passiert, und die nächste Nacht wieder durchzumachen. Und deshalb bin ich froh, dass es so ist, wie es ist. Das verteilt die Sachen gerechter.

Transfernews

Über die Linie! Stichwort Nachrichtenjagd. Es gibt die Abschottungstendenzen der Vereine, dass sie selbst immer stärker zu Medienunternehmen werden und zum anderen gibt es eine „Fütter‘ mich und ich spuck’s dann aus“-Mentalität, mit der man einfach nur wiedergibt, was man vorgesetzt bekommt. Wie funktioniert die Nachrichtenjagd heute noch?

Frank Lußem Für den Bereich gibt es im Grunde nur einen großen Teich, in dem gefischt wird und das sind die Transfer-Zeiten. Ich will heute schon noch als erster wissen, wer wann wohin wechselt, gerade, wenn es meinen Bereich betrifft. Da habe ich auch eine ganz gute Quote. Das erarbeitest du dir natürlich über ein Netzwerk. Über Anrufe, die du kriegst. Als ich wieder angefangen habe, mich häufiger mit dem FC Köln zu beschäftigen, habe ich das Glück gehabt, dass ich die Sache mit Freddy Sörensen als erster hatte, den sie aus Italien geholt haben. Da rief mich ein dänischer Kollege an und erzählte mir das, dann rief ich Schmadtke an, und der bestätigte das. Das ist Glück, da gehört auch einer dazu, der sagt „okay, wenn du es hast, dann hast du es. Glückwunsch.“ Dann hast du es exklusiv und freust dich. Und du ärgerst dich, wenn andere es exklusiv haben und fragst dich, warum hast du es nicht selbst? Das ist für mich der einzige Teich, in dem ich gerne angele.

Der Druck, den Transfermarktgerüchte erzeugen

Frank Lußem Wobei ich entsetzt darüber bin, was auf dem Transfermarkt tatsächlich passiert und was daraus geworden ist. Das macht keinen Spaß mehr, wenn ein Di Marzio Klamotten raushaut, eine nach der anderen, dann hat er unter 100 nach dem Gießkannenprinzip rausgeschütteten Transfers einen mal richtig und feiert sich, als würde er einen Heiligenschein im Vatikan verliehen bekommen.

Das sind Dinge, die nerven schon. Und sie setzen Kollegen unter Druck. Wir fahren ganz klar das Prinzip der doppelten Quelle und nehmen dadurch auch in Kauf, mal zweiter Sieger zu sein. Aber es gibt schon Chefs, die fragen, warum hast du das nicht? Und wenn der Kollege dann antwortet „Ja, weil es nicht stimmt“, muss er sich dessen sicher sein. Denn das sagst du dreimal, und wenn es einmal doch stimmt, bist du derjenige, der es nicht hatte. Dieser Druck schadet der Wahrheitsfindung. Wenn schon eventuelle Transfers und bloßes Scouting als fixer Einkauf vermeldet werden, dann wird es eben schnell unseriös. Laut einer Studie einer deutschen Universität lag im vergangenen Jahr eine Zeitschrift in 61% Prozent aller Transfermeldungen daneben. Da wird es dann langsam unseriös.

Ein Problem ist sicher, dass heute viel mehr gescoutet wird als früher. Wenn früher einer von Bayer Leverkusen nach Brasilien fuhr, da war klar, der wird nicht mit leeren Händen zurückkommen, sondern in jedem Arm einen Spieler haben, zumindest in einem. Heute ist das völlig anders. In Belgien, in Holland gibt es Vereine, die schreiben auf ihrer Homepage, welche Vereine heute im Stadion scouten. Das ist völlig normal mittlerweile. Die Scouts müssen sich anmelden, dann bekommen sie Karten. Die können die Karten natürlich auch selber kaufen, dann würde es keiner rauskriegen. Aber daran sieht man, das ist denen relativ egal. Die verschaffen sich den Komplettüberblick über die gesamte Liga. Dembélé ist 19 und kommt für Millionen nach Dortmund. Der wäre als Neunzehnjähriger vor 10, 15 Jahren nie im Leben für annähernd so viel Geld nach Dortmund gekommen. Das hätte nie einer gemacht. Und heute machst du es halt, weil man viel in Perspektive investiert, und weil die Preise ohnehin kaputt sind.

Im Trüben fischen die anderen

Über die Linie! Wie sieht es mit anderen exklusiven Geschichten aus? Was ist deinem Gefühl nach das, was die Leser am meisten interessiert? Ist es etwas, das sich mit dem beißt, was du am liebsten machst?

Frank Lußem Ich habe Gott sei Dank meinen Job bei einem Fußballfachblatt gefunden. Und muss mich nicht um Dinge kümmern, die mit Fußball nun gar nichts mehr zu tun haben. Der ein oder andere Kollege muss im Trüben fischen, nach Dingen, die mitunter auch unappetitlich sind. Das ist jetzt kein Mitleid und kein Vorwurf, ich bin einfach froh und dankbar, dass ich es nicht machen muss.

Das zweite ist, was die Leute lesen wollen. Das weiß ich nicht. Wir haben eine Zeitung mit der höchsten Auflage in Deutschland, was die schreibt, wissen wir alle. Aber wir wissen auch, dass die in den vergangenen 10 Jahren die Auflage halbiert hat. Also weiß ich nicht, was die Leute wollen. Wollen sie das lesen? Ja, wollen sie, es ist immer noch die meistverkaufte Zeitung in Deutschland. Aber vielleicht wollen sie es doch nicht, weil so viele es doch nicht mehr kaufen. Aber wollen die Leute Spielverlagerung lesen?

Nische Spielverlagerung

Über die Linie! Ein paar Leute wollen mit Sicherheit Spielverlagerung lesen.

Frank Lußem Ich bin mir sicher, dass nur ein ganz geringer Prozentsatz hängenbleibt, weil das eine Seite für Freaks ist. Alles in Ordnung, Respekt vor den Kollegen, wenn sie mir auch manchmal etwas oberlehrerhaft um die Ecke kommen für Jungs, die Fußball nur im Fernsehen sehen und nicht aus der Tiefe heraus beurteilen können. Fußball im Fernsehen zu sehen ist was anderes als Fußball im Stadion, also im normalen Raum, zu schauen. Aber absoluten Respekt für den Aufwand. Ich habe mich ja auch mal ein bisschen über ihre Wortwahl ausgelassen…

Über die Linie! Geht ihr grundsätzlich mit einer gewissen Abwehrhaltung ran? So sieht es jedenfalls aus.

Frank Lußem Überhaupt nicht, nein. Bei uns wird auch diskutiert, ob wir genug machen, könnte es ein bisschen mehr sein, machen wir zu viel? Wir haben Kollegen, die haben eine Affinität zur Taktik, die leben das auch aus, die dürfen das auch ausleben, finde ich total in Ordnung. Und dann gibt es Kollegen, die eine andere Herangehensweise haben.

Vorteil Meinungsfreude?

Ich habe ja in Leverkusen gemerkt, wie schwer es ist, fachlich zu kritisieren. Ich habe mitunter das Gefühl gewonnen, dass das die schlimmste aller möglichen Kritiken gewesen ist, als ich gesagt habe, dort werde in meinen Augen der falsche Fußball gespielt, hier wird das Personal nicht seinen Fähigkeiten gemäß eingesetzt, sondern in ein Raster gepresst, das dem Trainer vorschwebt, und deswegen werden Ergebnisse nicht erzielt.

Über die Linie! Aber es ist doch eine der Kernaufgaben des Journalismus, nicht nur zu berichten, sondern auch zu kommentieren, sofern das sauber getrennt wird.

Frank Lußem Ja, da wird einem einerseits vorgeworfen, ihr seid nicht fachlich genug. Und wenn man dann mal fachliche Kritik macht, es aber nicht gefällt, ist es auch nicht richtig. Ich denke aber, es wird schon alles richtig sein.

Morddrohungen

Über die Linie! Du giltst in meinen Augen als sehr meinungsstark und sehr meinungsfreudig. Ist das für dich ein Nachteil oder Vorteil im Alltag?

Frank Lußem Das ist sicher kein Vorteil, weil du häufig mit Gegenrede konfrontiert wirst, die alles andere als schön ist. Deshalb kannst du den Job auch nicht ausknipsen, wenn du beschimpft wirst auf unflätigste Art und Weise, wenn deine Tochter weinend nach Hause kommt und sagt, Papa, die wollen dich umbringen. Genau dieser Vorfall hat übrigens meine Netzkarriere ausgelöst. Ich habe eigentlich nie im Sinn gehabt, mich im Netz auszutauschen.

2008 wechselte Patrick Helmes von Köln nach Leverkusen. Da habe ich ziemlich deutlich geschrieben, was ich von dem Gejammere der Kölner halte, weil ich einfach mehr wusste. Ich wusste, dass Patrick Helmes in Köln quasi abgespeist worden ist und weiter abgespeist werden sollte nach dem Motto, ach, du willst verlängern, ja, stell dich mal hinten an. Wir kommen dann. Da haben die Leverkusener reagiert und gesagt, wir holen ihn. Und dann hat er unterschrieben. Und Christoph Daum, damals Trainer in Köln, ritt fürchterliche Attacken gegen Bayer und ich habe dann geschrieben, das treffe den Kern nicht, geh‘ mal vor der eigenen Türe kehren und gucke, dass man die Leute zufriedenstellt, die man hat. Und die eigentlich auch bleiben wollten. Der Patrick wollte ja nie weg.
An dieser Meinungsfreudigkeit hat sich entzündet, dass auf dem effzeh-Brett richtiggehend Drohungen gegen mich ausgesprochen wurden. Ich wusste das gar nicht. Meine Tochter hat das in der Schule erfahren, und sie hatte eine Riesenangst, war am Heulen und ganz aufgelöst. Und dann habe ich mich da angemeldet. Unter Klarnamen. Da war zunächst helle Aufregung. Der Moderator hat gefragt, sind sie wirklich Frank Lußem vom kicker? Ja, das sehen sie ja an der Email-Adresse.

Und dann habe ich mich mit denen auseinandergesetzt. Das war teilweise in Ordnung, teilweise widerlich. Aber nie dramatisch, da ist nichts passiert. Da konnte ich auch meine Tochter beruhigen. Ab da habe ich mich immer tiefer ins Netz vergraben.

Kritik – Rückzug oder offenes Visier?

Über die Linie! Es gibt mehrere Möglichkeiten, mit verächtlicher Kritik umzugehen. Claudia Neumann vom ZDF, die auch kritisiert wird aufgrund der Art wie sie Fußball-Kommentierungen macht, sagt im Interview, sie tue sich soziale Medien nicht an, sie wolle das nicht an sich ranlassen. Und sie sagt, solange man dort so angegangen werde, wolle sie sich nicht darauf einlassen.

 

Über die Linie! Was war für Dich ausschlaggebend, dass Du dabeigeblieben bist, nachdem das Anliegen geklärt war?

Frank Lußem Das effzeh-Brett wurde eingestampft, und im neuen Forum wurde es weniger. Ich habe noch häufig mit denen diskutiert. Ich stelle mich dem schon. Ich finde das auch in Ordnung, weil das im Zweifelsfall auch meine Käufer sind. Es ist zwar heute relativ schwer zu unterscheiden, wer kauft und wer nicht, weil wir eine freie Seite haben. Die, die mich von der Homepage aus beschimpfen, die bediene ich später. Die Käufer, die kommen schneller dran. Ich schreibe gerne. Eine Antwort kriegt jeder, der unter Klarnamen schreibt und nicht unflätig bis dumm kritisiert. Ich habe hunderte von Antwort-Mails geschrieben in den Jahren und immer versucht, die Leute zeitnah anzusprechen.

Über die Linie! Ist das üblich bei euch im Haus oder eine Vorgabe?

Frank Lußem Die Vorgabe ist, dass man sich damit auseinandersetzt. Der eine macht es intensiver und schneller, der andere weniger. Aber ich mache es gerne. Ich habe viele Menschen damit verblüfft, die waren völlig baff, und die, die am größten das Maul aufgerissen haben, die waren auf einmal am freundlichsten. Aber das ist ja oft so.

Vorteile von Twitter

Über die Linie! Wie ging es weiter, wie bist Du zu Twitter gekommen? War das ein Zufall oder ein besonderes Erlebnis?

Frank Lußem Durch meinen Sohn. Der war vor mir auf Twitter und hat mir vor gut fünf Jahren einen Account eingerichtet, als wir mit Bayer Leverkusen im Trainingslager waren. Da hatte ich ihn mitgenommen nach Zell am See. „Papa, die Fans freuen sich, wenn sie was von dir lesen.“ Ich habe wirklich mit null Followern angefangen, der erste war mein Sohn, Reiner Calmund der zweite. Das ist gewachsen auf jetzt 3500. Ich denke mal, 50 oder 100 werden das aktiv verfolgen, viel mehr nicht. Ich weiß es nicht. Da sind Peter Ahrens, Günther Klein, Markus Bark, zahlreiche Kollegen, die ich teilweise auch erst richtig auf Twitter kennengelernt habe. Finde ich eine super Sache. Auch dass wir hier sitzen, hat ja den Grund. Bayer-Fan und Blogger Jens Peters alias Catenaccio (hat eine sehr gute Seite) hatte mich mal nach Twitter gefragt, da hatte ich gesagt, nein, dafür bin ich zu alt. Ja, und ein Jahr später war ich dabei. Ich mach’s gern.

Über die Linie! Bekommst du mehr Informationen, hast du einen besseren Austausch? Was sind für dich die Vorteile?

Frank Lußem Twitter ist für mich die absolut genialste Informationsquelle. Wenn ich morgens im Bett liege und einmal rauf und runter scrolle und dann die Links öffne, die mich interessieren, dann weiß ich mehr, als ich jemals in meinem Leben zu dem Zeitpunkt vorm Aufstehen gewusst habe. Das ist so.

Über die Linie! Deine Frau freut sich drüber.

Frank Lußem Ja, die ist ja unten, Frühstück machen.

Frank Lußem Die Informationsfülle und die Auswahl ist genial und unfassbar. Und damit ist auch alles erklärt. Alleine mir die Informationen aus Twitter zu holen, die der Tag mit sich bringt. Da steht alles! Das ist geil.

Über die Linie! Hast Du andere Kollegen damit animiert oder auch mehr Einblick in deren Arbeit oder deren Denken bekommen oder war dir das eh alles vorher bekannt?

Frank Lußem Doch, durchaus. Ich habe einige Kollegen animiert, das zu machen. Der eine macht es intensiver, der andere weniger intensiv. Der eine ganz frei mit ganzem Namen, manche anonym. Nur ganz wenige machen das stringent. Und dann gibt es noch ein paar Fans, von denen ich gedacht hätte, sie wären ganz in Ordnung. Die habe ich dann im Zuge der sich verändernden Denke in Deutschland auf eine Art und Weise kennengelernt, auf die ich lieber verzichtet hätte. Da habe ich doch mitunter einen Schreck gekriegt.

Über die Linie! Du beschränkst dich nicht auf das rein Fußballerische.

Frank Lußem Nein, Politik spielt in meinem Leben schon immer eine sehr große Rolle. Auch auf Twitter. Da gilt das Gleiche wie für den Sport, eine unglaubliche Informationsquelle. Mitunter auch eine Inspirationsquelle, wo du unglaublich dazulernst. Ich finde so Kollegen wie Alex Feuerherdt ganz toll, der für Sachen einsteht. Nicht nur wegen Collinas Erben, sondern auch wegen seiner politischen Dinge als LizasWelt. Das bedeutet natürlich nicht immer 100%ige Übereinstimmung, weil ich manchmal etwas nicht so eng sehe. Dann ist das eben so. Aber grundsätzlich ist das für mich ein absoluter Gewinn.

Über die Linie! Du findest dich auch dank Twitter gut informiert. Gleichzeitig findet eine extreme Verbreiterung dessen statt, was als Fußball dargestellt wird. Wir kommen am Flughafen an, wir stehen am Gate, wir steigen jetzt ein, wir sitzen im Flieger, wir steigen in den Bus ein, wir steigen aus dem Bus aus, wir gehen ins Hotel, wir kommen aus dem Hotel raus…

Frank Lußem Das ist wie am Buffet. Schnapp‘ dir das leckere oder das, was du magst. Das andere lässt du halt liegen. Das liegt dann da, aber das musst du ja nicht nehmen. Das interessiert mich auch nicht.

Glamourfreie Fußballer

Über die Linie! Ändert das auch den Fußball oder nur unsere Wahrnehmung von Fußball?

Frank Lußem Das weiß ich nicht. Es gibt verschiedene Menschen. Ich war am Mittwoch bei Toni Kroos. Wir kennen uns schon ein paar Jahre und er sagt, du kommst natürlich zu mir nach Hause, Seine Frau Jessy ist da, die beiden Kinder. Nebenan wohnt Cristiano Ronaldo, aber Toni ist völlig glamourfrei. Der ist einfach geerdet und in Ordnung. Und hat trotzdem über 10 Millionen Follower auf Instagram. Ohne Glamour-Fotos, alles völlig normal.

Über die Linie! Jeder hat seinen eigenen Charakter.

Frank Lußem Es gibt in Leverkusen einen Spieler, der ist unglaublich unterwegs auf Instagram. Er ist aber gleichzeitig ein völlig unprätentiöser Typ: Roberto Hilbert. Du merkst dem einfach an, der will das. Der postet Fotos von seiner Familie, von seinen Kindern, seiner Frau… Und das macht ihm Spaß. Er ist ein sehr kluger Junge, durch seine Ehe mit einer Afrikanerin hat er früh gelernt, was es heißt, dass es mehrere Hautfarben gibt und Menschen, denen das komischerweise nicht gefallen mag. Und deswegen kämpft er gegen diese Idioten. Und macht das gut. Du würdest aber nie sagen, er ist ein Glamour-Typ.

Über die Linie! Du siehst, wie die Spieler und Vereine sich öffentlich darstellen, wie sie die Medien nutzen, um sich zu verkaufen oder zu zeigen, was ihnen wichtig ist… Wie oberflächlich wird das Ganze, oder anders gefragt: Wie wichtig ist das Spiel noch?

Frank Lußem Das Spiel wird immer im Mittelpunkt stehen und das, was während des Spiels passiert. Dass dies so bleibt, hängt auch von uns Sportjournalisten ab. Das hat aber nicht viel mit den Spielern zu tun. Die sind nach jeder Pleite sauer. Worauf wir aufpassen müssen, sind diese Klub-TVs. Wir dürfen niemals mit denen gemein sein. Wir müssen Kritik üben, im Zweifelsfall die Wahrheit rauskriegen. Ich beneide keinen Kollegen, der beim Klub-TV ist, wenn er zum Beispiel jetzt für den Hamburger SV arbeiten muss. Weil, da musst du dich als Journalist verbiegen.

Vereinsmedien als Service

Über die Linie! Spürst du in deiner Arbeit den Machtgewinn der Verein, den sie dadurch haben, dass sie mehr Hoheit oder Sendemöglichkeiten haben?

Frank Lußem Nein.

Über die Linie! Bedrohen die dich in der Arbeit nach dem Motto du kriegst jetzt erstmal kein Interview mehr?

Frank Lußem Klar passiert das mal. Dann wird sich einfach geschüttelt und weiter geht‘s. Ich habe lieber eine meinungsstarke Story als ein dreifach indiziertes Interview. Unsere Leser haben sicher das Recht darauf, Interviews mit ihren Stars zu lesen, das ist klar. Aber wenn der Klub das als Druckmittel einsetzen will, muss man gegensteuern.

Trend Interviewjournalismus

Über die Linie! Im Moment sieht es so aus, als wäre das Interview mit dem Spieler, zu dem man kaum noch Zugang hat – anders als früher, als man noch zusammen im Hotel, rund um die Uhr und so weiter… – als ob das noch das letzte große Stück ist, das man noch exklusiv hat, von Transfergeschichten mal abgesehen. Ist es eine Art Interview-Journalismus, zu dem sich der Sportjournalismus entwickelt?

Frank Lußem Wir servieren den Leuten Interviews und versuchen dabei die Fragen zu stellen, von denen wir glauben, dass es die sind, die die Leute interessieren. Ob die Antworten auch die sind, die wirklich gegeben worden sind, darauf haben wir keinen Einfluss. Es gibt übrigens auch Praktiken der Autorisierung, die ein Interview tatsächlich verbessern. Es gab Situationen, da wäre das Original schlechter gewesen. Es hat aber auch Praktiken gegeben, die waren unfassbar. Da kommt ein völlig entstelltes Gespräch zurück.

Über die Linie! Kannst Du eine Zahl nennen, wie sich das aufteilt?

Frank Lußem Mixed Zone Interviews unterliegen nicht der Autorisierungspraxis. Ansonsten wird jedes Gespräch vorgelegt oder die Zitate aus einem Vier-Augen-Gespräch. Ich habe in beiden Fällen eher gute Erfahrungen gemacht. Das liegt aber daran, dass ich kein Weltklasse-Krawall-Interviewer bin, sondern eher ein Plauderer. Dafür bilde ich mir auf ein paar Kommentare was ein 😉

Über die Linie! Bei Sport als Talkshow seid ihr mittlerweile auch dabei.

Frank Lußem Man muss jeden Kanal bespielen.

Über die Linie! Es muss aber auch noch Geld verdient werden

Frank Lußem Logisch. Das ist das Ziel. Und die Hoffnung, dass das gelingt.

Über die Linie! Kommen die Themen von oben oder von einem Berater, der das von extern empfiehlt?

Frank Lußem Nein, da wird auch viel mit uns geredet. Wir haben Netzwerke, die wir nutzen. Ich finde es vom Ansatz her gut, ein festes Thema zu nehmen. Der Marco Hageman macht das stark. Mir gefällt, was ich da sehe. Es ist sehr seriös, aber nie langweilig. Die Themen sind gut gesetzt, ein gutes Konzept.

Der direkte Draht zu Lesern und Fans

Über die Linie! Hast Du persönlichen Kontakt zu Lesern?

Frank Lußem Ja. Dazu erzähle ich dir eine Geschichte. Vor ein paar Wochen bekam ich einen Anruf: „Guten Tag, mein Name ist Willy Pütz.“ Ein Kölner, das war nicht überhören. Und er erzählte: „Ich war vor 60 Jahren Bote in der Kölner Redaktion des kicker. Ich habe 1954 als Belohnung für meine guten Leistungen eine Reise zum Länderspiel gegen Frankreich nach Hannover geschenkt bekommen, vom damaligen Chef. Haben Sie davon vielleicht noch einen Bericht im Archiv? Da haben sie auch über mich geschrieben.“ Dann habe ich mir aus dem Archiv ein PDF zukommen lassen, es ausgedruckt und den Herrn angerufen, kommen sie mal vorbei, dann trinken wir einen Kaffee und gucken mal, ob wir das finden. Dann kam er, ein 75jähriger Mann, der hat Tränen der Freude verdrückt. Ich auch eine…

Ansonsten lernst du natürlich durch die vielen Reisen Leser kennen. Wenn man zum Beispiel mit Bayer oder der Nationalmannschaft unterwegs ist. Ich bin nie so elitär gewesen, ich habe mich immer mit den Fans unterhalten. Auch wenn es manchmal genervt hat. Ich habe lange gleichzeitig Leverkusen und den effzeh gemacht. Für die einen war ich der Geißbock, für die anderen der Pillenfresser. Überall wurde geflachst, manchmal wurde man auch beschimpft, insgesamt war es charmant.

Über die Linie! Hast Du eine Prognose oder ein Gefühl, in welche Richtung sich der Printjournalismus entwickelt?

Frank Lußem Wenn ich die hätte, wäre ich wahrscheinlich ein reicher Mann. Zunächst mal hat die Ausweitung der Medienarbeit der Vereine auch etwas Gutes: Das schafft Arbeitsplätze. Die sind auch nicht „die Bösen“. Ich habe auch noch keinen erlebt, der versucht hat, mit uns in den Wettbewerb zu gehen. In der täglichen Arbeit gibt es bei mir durchaus mal den Griff zur Homepage, um zu gucken, ob ich davon etwas brauchen kann, beispielsweise ein Interview. Das ist ein Service, und so verstehe ich das erstmal. Aber ich bin manchmal froh, dass ich 56 bin und in neun Jahren in Rente gehe. Ich habe damals angefangen, da war ich 20, heute wüsste ich nicht, wo es hingeht.

Der Graukopf und die Jungspunde

Über die Linie! Mit welchen Fragen kommen die jungen Kollegen auf Dich zu?

Frank Lußem - Vortrag
Frank Lußem – Vortrag in der Deutschen Sporthochschule Köln

Frank Lußem Ich hielt vor eineinhalb Jahren einen Vortrag auf der Kölner Sporthochschule mit ihrem Studiengang Medienkommunikation und Sportjournalismus, da hat es mich gewundert, dass die Fragen alle nur inhaltlich, nicht perspektivisch waren. Es ging nicht darum, was ist das für ein Job, ernährt mich der Job, was kann in dem Job mit mir passieren, gibt es den Job in 10 Jahren noch… Die Fragen kamen alle nicht.

Das zeigt mir zweierlei. Erstens habe ich habe wahrscheinlich immer noch den drittschönsten Job nach Profi und Spielerfrau, und zweitens machen sich die Leute vielleicht zu wenig Gedanken über die Zukunft. Was ich in meinem Job erlebt habe und erleben durfte, das erlebt keiner mehr. Da bin ich total glücklich und froh drüber. Das waren wunderschöne Zeiten und Reisen, Gespräche, klasse Menschen.

Ich merke das ja heute schon, wo ich die Vereine gewechselt habe. Ich habe hier in Leverkusen ganz enge Drähte gehabt. Als ich zum #effzeh kam, war das nicht mehr so einfach. Da schauen die Spieler, die ja meine Söhne sein könnten und denken: Was ist das denn für ein alter Graukopf?

Über die Linie! Es hat dir aber noch keiner geraten, du solltest dir die Haare blond färben.

Frank Lußem Nein, das nicht, aber du merkst schon, wie die Spieler denken, huch, was kommt da für ein alter Beutelflitzer an.

Über die Linie! Sind die Spieler voreingenommen?

Frank Lußem Nein, das nicht. Skeptischer. Sie haben natürlich keine Erfahrung mit mir. Die Spieler gucken ja nicht, welche Journalisten da sind, welche Erfahrungen haben die, das machen die nicht. Ich habe keine Probleme damit, aber es ist anders als früher. Hier in Leverkusen war ich immer da, und die Spieler kamen dazu. Und irgendwann hast du sie gekannt.

Über die Linie! Du bist jemand, der nicht nur mit den Spielern redet. Als wir in den Presseraum gekommen sind, hast Du auch die Leute hinterm Tresen und die Kellner begrüßt und die dich.

Frank Lußem Das ist für mich hier ein Arbeitsplatz, und an dem versuche ich gute Laune zu verbreiten und auch zu ernten. Das ist für mich ganz wichtig.

Der Journalist als Fan und Spielervermittler

Über die Linie! Bist Du auch Fan eines Vereins?

Frank Lußem Ich wusste, dass die Frage kommt. Ich habe lieber, dass die Vereine, mit denen ich zusammenarbeite, gewinnen als verlieren. Weil wenn sie gewinnen, sind die Menschen netter und besser gelaunt.

Über die Linie! Manche lassen es ja deutlich raushängen, wollen aber auch eine professionelle Distanz wahren.

Frank Lußem Dann würde ich sagen, ich bin für Köln und Leverkusen.

Über die Linie! Kein Bekenntniszwang, du musst nichts weiter antworten.

Frank Lußem Ich habe die Vereine immer nach den Spielern ausgesucht, die da gespielt haben. In Köln waren das Heinz Flohe und Wolfgang Overath, in Frankfurt Jürgen Grabowski und der Bernd Nickel. Nach Leverkusen bin ich erst gekommen, als ich schon beim kicker war.

Da gibt es noch eine schöne Geschichte. Der Rüdiger Vollborn ist auf meine Vermittlung hin hier gelandet. Am 3. Januar 1981 trat ich meine erste Dienstreise für den kicker an, und die ging mit der damaligen A-Jugend-Nationalmannschaft nach Moskau zum Valentin-Granatkin-Turnier. Zack, gleich mal 14 Tage quasi embedded dabei, alles mit der Mannschaft mitgemacht. Ich war ja auch nicht viel älter als die. Da waren Michael Zorc, Ralph Loose, Thomas Herbst, Holger Antes, Ralf Falkenmayer, viele Jungs, die später in der Bundesliga gespielt haben.

Irgendwann habe ich mich mit Rüdiger Vollborn angefreundet und gefragt, wo er gerne mal kicken würde. Der war damals noch bei Blau-Weiß 90 Berlin. Wir unterhielten uns und einigten uns darauf: „In Gladbach oder Leverkusen kommst du als junger Spieler am schnellsten ans Spielen“.
2. Akt: Reiner Calmund und ich, wir sind im gleichen Dorf aufgewachsen, wir kennen uns schon sehr lange. Der war mal mein Trainer in der Kreisauswahl. Als ich nach Hause kam, rief ich ihn an, er war damals „Mädchen für alles“ bei Bayer und sagte: „Calli, pass mal auf, der Rüdiger Vollborn…“ Das war an einem Montag, mittwochs saß Calli in Berlin auf der Couch und aß Plätzchen, ein paar Tage später war Rüdiger das erste Mal in Leverkusen.

Über die Linie! Worauf ich hinaus wollte: Darf man überhaupt Fan eines Vereins sein? Du hast im Vorgespräch plastisch das Beispiel von Leipziger Kollegen erzählt, die in Köln auf der Pressetribüne gejubelt haben…

Frank Lußem So wie die das gemacht haben, ging das gar nicht. Mit Drohgebärden gegen Kölner Fans, mit dem abgewinkelten Arm. Aber die gehörten wohl zur Medienabteilung von RB. Aber zum Thema: Warum sollte man nicht Fan eines Vereins sein? Wenn es zum großen Turnier geht, muss man ja quasi auch Fan der Nationalmannschaft sein. Wir kommen ja alle aus dem Fußball, hoffe ich. Und da hat auch jeder einen Lieblingsverein aus der Kindheit, und den kannst Du ja nicht ablegen in dem Moment, wo du Sportjournalist wirst. Man muss halt damit umgehen können. Warum lieben alle „Fever Pitch“? Weil es ein Buch über die Liebe zu einem Verein ist. Und das sollte sich auch jeder Journalist erlauben können. Und wenn er ein Guter ist, wird ihm die nötige Distanz nicht flöten gehen. Marcel Reif hat in Kaiserslautern bis zur A-Jugend halbprofessionell Fußball gespielt. Der wird sicher seine Vorlieben für den FCK haben. Wenn er sie nicht hat, wird ihm ein Empathie-Hörnchen fehlen.

Über die Linie! Ach. Ich dachte, er ist Fan von Bayern und Dortmund?

Frank Lußem Ja, genau!

Fortschritt im Fußball

Über die Linie! Siehst du im Fußballspiel selber einen Fortschritt, etwas Neues oder nur neue Moden, die aber schon mal da waren? Also abgesehen von Athletik und Tempo mit den wahnsinnigen Leistungssteigerungen im Sinne von mehr Kilometer laufen, schneller laufen, mehr Sprints machen und, und, und…

Frank Lußem Nein. Das Non-Plus-Ultra an Fußball habe ich mit 13 gesehen. Das war im Düsseldorfer Rheinstadion, das DFB-Pokal-Finale 1973 zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach mit Günter Netzers Tor nach Selbsteinwechslung. Ich habe Spiele gesehen bei Weltmeisterschaften, aber nie mehr so eins, das mich so gefesselt und so in Tränen gestürzt hat – weil der FC verloren hat.

Das was hier in Leverkusen gespielt wird, das soll ja toll und neu und intensiv sein. Ich bin kein Fan dieses Fußballs. Dieses hohe Verteidigen, Pressing, Gegenpressing – das ist mir zu einfach. So schlägst du Mannschaften wie beispielsweise Tottenham, die zu simpel gestrickt sind um ein Mittel zu finden. In der Bundesliga hast du damit an fast jedem Spieltag ein Problem. Es sei denn, die individuelle Klasse setzt sich früh durch und du gehst deutlich in Führung. Dann kann es klappen.

Der Fußball war immer dann gut, egal wie schnell und athletisch, wenn mindestens eine Mannschaft auf dem Rasen in der Lage war, mehr Lösungen zu finden als die andere. Wenn sie vor Probleme gestellt wurde, diese sofort analysieren konnte und dann richtig reagiert. Das war für mich immer ein Indikator für guten Fußball. Deshalb haben wir auch alle unsere Lieblingsmannschaften in verschiedenen Epochen. Wenn ich heute an die Bayern der mittleren 70er oder Ajax der frühen 70er Jahre denke, dann sind das die beiden Mannschaften, die unfassbar geilen Fußball gespielt haben. Die richtig gut, später clever, aber immer stark waren. Und wenn es eng wurde, dann kam die individuelle Klasse, dann hielt hinten Sepp Maier den Laden dicht, vorne trafen Gerd Müller oder Bulle Roth. Dann hat es gereicht. So hat auch Deutschland seine Weltmeisterschaften geholt. Das waren keine glanzvollen Siege. Alle vier nicht. Aber, an dem Tag: mehr Lösungen gefunden, individuelle Stärke, das war’s. Dass heute alles besser ist, das würde ich in Abrede stellen.

Der kühle Pep

Über die Linie! Magst Du was zu Pep sagen? Pep und der kicker. Oder der kicker und Pep. Das ist nicht ganz deine Baustelle, weil du nicht darüber berichtet hast.

Frank Lußem Ich kenne den Mann ja gar nicht. Toni Kroos hat mir vor zwei Tagen noch von ihm vorgeschwärmt. Mit Michael Reschke bin ich aufgewachsen, der war zwei Klassen über mir, wir haben gemeinsam blaugemacht und uns als Fremdenführer für Mädchen an der Jugendherberge in Köln-Deutz verdingt. Der muss mir also keinen Quatsch erzählen und der schwärmt genauso von Guardiola, als Mensch und als Trainer. Ich habe keinen Grund, denen das nicht zu glauben. Warum sollten die mir was erzählen? Haben sie ja nichts davon, wenn sie lügen. Was mir an ihm nicht gefällt: Er wirkt etwas unlocker.

Über die Linie! Martí Perarnau sagt, dass Pep noch sehr jung und unsicher gewesen sei. Dass Bayern seine erste Station im Ausland war und er zu stark auf die Befindlichkeiten oder vermeintlichen Befindlichkeiten eingegangen ist, zugleich aber diese „nehmt und fresst“-Pose eingenommen hat, indem er „ich hätte gerne 1000 Dantes“ sagt, ohne das zu erklären.

Frank Lußem Ich glaube, es war einfach alles etwas too much. Es gab zu wenig Normalität in dieser Personalie. Da hat er sicher auch zu beigetragen. Er hat sich auch inszeniert, Schaukelstuhl, mit seinem Benehmen gegenüber Bibiana Steinhaus, das musste alles nicht sein, da wäre ein anderer vom Platz gegangen.

Über die Linie! Spanische Leidenschaft.

Frank Lußem Er ist Katalane. Alles in allem glaube ich, dass er sehr gute Arbeit geleistet hat. Aber er ist kein Übertrainer.

Über die Linie! Er hat das Team zerfleddert.

Frank Lußem Andererseits, er vermittelt mir nicht das Gefühl, eine echte menschliche Wärme zu verstrahlen. Es gibt auch immer noch diese Vorwürfe, dass ihm wichtig war, dass ein Spieler spielt, egal wie es ihm geht oder was später passiert. War da was dran? Was meinst du?

Der zugängliche effzeh

Über die Linie! Das wäre eher Magath-Stil, nicht Pep… Aber ich will ihn nicht verteidigen, stimmt, der Eindruck war da. Andere sagen, er habe genau diesen Druck nicht gemacht, er hat nur auf das gehört, was die Ärzte ihm sagten. Und die haben vielleicht das Gefühl gehabt, sie müssten so schnell wie möglich…

Frank Lußem Ich arbeite in Köln mit einem Trainer zusammen, dessen Tag hat auch nur 24 Stunden. Dessen Arbeit ist auch von außen als gut zu bezeichnen, das ist wohl unbestritten. Der ist kein Arschkriecher wie früher diese Trainer bei Journalisten waren, der verschafft sich keine Hausmächte. Der ist zu allen gleich freundlich und sehr bestimmt, wenn ihm etwas nicht passt. Aber du kannst mit ihm reden. Den kann ich anrufen, wann ich will. Und wenn er nicht rangeht, ruft er zurück. Ich kann mit ihm über alles diskutieren, da gibt es gar keine Vorbehalte, gar nichts. Der Mann macht einen guten Job. Ich finde, wir können alle ein bisschen freundlicher zueinander sein. Und mit dem Gedanken an die Kritik rangehen, und das mache ich auch, der andere könnte Recht haben. Einfach mal gucken, mal überprüfen, könnte der eventuell irgendwo recht haben? Dann wäre schon viel gewonnen. Wenn man sich damit nicht auseinandersetzen kann, dann ist das eben so.

Über die Linie! Wann oder wie schaffen wir es, dass Carlo Wild Twitter aktiv nutzt? Du sagst, er liest mit.

Frank Lußem Er liest einiges, ja. Aber ich fürchte, es ist nicht sein Ding. Carlo ist einer der intelligentesten und gebildetsten Menschen, die ich kenne. Ich kenne wenig Menschen, die sich so viele Gedanken machen über die Themen dieser Welt auch abseits vom Fußball. Deshalb tut es mir leid, dass er da so reduziert wird. Allerdings muss ich sagen, er hat die Wahrheiten auch bei van Gaal geschrieben. Ganz allgemein war bei Pep immer schwarz oder weiß und wenig Grautöne.

Bayern-Jäger, Leipzig-Jäger

Über die Linie! Kurz vom Spiel gegen Leverkusen: Bayern-Jäger, Leipzig-Jäger… Von Verletzungen und ähnlichem Pech abgesehen, traust du den Leipzigern eine konstante Kaiserslautern-Saison zu oder drehen die jungen Spieler irgendwann durch?

Frank Lußem Da hat Rummenigge natürlich Recht, dienstags oder mittwochs können die ihre Füße hochlegen. Aber die haben im Grunde genommen eine Zweitliga-Abwehr, und der Abrieb wird von Spieltag zu Spieltag größer. Da kommen Dinge auf sie zu, die sie so noch nicht gekannt haben, die Halstenbergs und Orbans. Das sind gute Jungs, aber die haben keine Erfahrung in der Bundesliga. Das wird sich zeigen. Ich glaube nicht, dass das eine Kaiserslautern-Saison wird. Kaiserslautern war eine Erstliga-Mannschaft, die mal kurz in der Zweiten Liga vorbeigefahren war.

Ralf Rangnick

Über die Linie! Rangnick fängt schon wieder ein bisschen an, dass er alles besser weiß und kann?

Frank Lußem Das ist nicht mein Thema. Er redet viel, möglicherweise auch aus einer Verteidigungshaltung heraus, weil RB Leipzig ja stark umstritten ist. Aber die Leute wollen es offensichtlich hören, sonst würde er ja nicht so oft gefragt.

Über die Linie! Besten Dank für das Gespräch.

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4 Kommentare

  1. Sehr schönes Interview. Vilees von dem, was der Kollege KLußem da so von sich gibt, kann ich aus eigener Erfahrung völlig nachvollziehen. Und ich finde nicht, dass er ein bisschen beleidigt klingt in seiner Ansicht zu Spielverlagerung. Allerdings teile ich seine Auffassung nicht, dass die Homepages der Vereine oder deren TV-Sender Service für Jounalisten sein können. Die stehen doch eher in direkter Konkuurenz zu den Medien.

  2. Was für ein erhellendes, geniales Gespräch. Vor allem die Anekdote über den 75jährigen Mann. Danke dafür

  3. Vielen Dank für das interessante Interview.
    Zwei Anmerkungen zu Herrn Lußem:
    (1) Einerseits wird die Boulevardisierung des Fußballs samt diesen Transfergerüchtsauswüchsen zurecht beklagt, andererseits die fehlende Lockerheit des Herrn Guardiola moniert. Warum bitteschön?
    (2) Dann wird SV.de (und vergleichbares nehme ich an) kritisiert, was vielleicht Geschmackssache ist, zugleich aber eine – sagen wir mal – biedere Situationsanalyse geliefert (guter Fußball ist, wenn eine Mannschaft mehr Lösungen hat als die andere).

    Sieht man beide Fälle zusammen, entsteht bei mir der Eindruck, dass da ein bisschen gekränkte Berufsehre (die „guten“ Trainer kann man anrufen, die unlockeren vielleicht nicht, die „guten“ Leser verstehen meine „Kritik“, die anderen haben einfach keine Ahnung) mit Schwärmerei von der guten alten Zeit kombiniert wird.

  4. Schönes Interview, ich höre immer gerne Geschichten, die die Hintergründe des Fußballs ausleuchten.

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